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Rezension: Sachbuch : Erasmus' kleiner Bruder

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Der Theologiekritiker Sebastian Castellio feiert eine Wiederauferstehung / Von Barbara Bauer

          7 Min.

          Das Werk Sebastian Castellios (1515 bis 1563), des savoyardischen Humanisten, Bibelübersetzers, Toleranzpredigers und kritischen Moralisten, fehlt im herkömmlichen Fächerkanon der deutschen Universitäten: Seine lateinische und französische Bibelübersetzung und seine Dialoge, die zentrale Fragen der protestantischen Lehre behandeln, haben weder in Seminaren der Kirchengeschichte noch in Übungen zur Geschichte neulateinischer Literatur bei den Klassischen Philologen einen Platz gefunden.

          Castellios Traktat gegen Fanatismus und Ketzerverfolgung weist mit seinem Plädoyer für die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Konfessionen ins Jahrhundert der Aufklärung voraus. Es gehörte eigentlich schon in den schulischen Sozialkundeunterricht, wo Schüler Modelle im Umgang mit ethnischen Minderheiten kennenlernen sollen, kommt aber nicht einmal in einem politikwissenschaftlichen Grundkurs vor.

          Das gleiche Schicksal hat Castellios Methodenabhandlung "De arte dubitandi" (Über die Kunst des Zweifelns), die erst seit 1981 vollständig zugänglich ist: Seine Empfehlung, den gesunden Menschenverstand auch zum Verständnis der Bibel einzusetzen, weil Christus ihn doch selbst praktiziert habe, setzte sich erst in der historischen Bibelkritik der Frühaufklärung durch. In einem Seminar zur Geschichte der Bibelhermeneutik wird aber eher Spinoza als Castellio gelesen. Schuld an dieser Vernachlässigung ist die akademische Fächeraufteilung.

          Am Beispiel Castellios und seiner Schriften im Kontext der erasmianischen Philosophie und radikalen Reformation wäre einmal zu zeigen, was ein kulturwissenschaftlicher Studiengang den sorgsam getrennten Einzelfachstudien voraushätte. In einem Kurs über die religiöse Toleranz oder über friedliche Konfliktlösungsstrategien wäre Castellios Hauptwerk von 1554 "An haeretici sint persequendi" (Über die Ketzer, ob man sie verfolgen soll) ein wichtiges Zeugnis. Die Modernität seiner Vorschläge zur Überwindung des Konfessionsstreits, sich über den Kern einer Ethik christlicher Nächstenliebe zu verständigen, würde gerade im Vergleich mit John Locke, Spinoza oder Gottfried Arnold zur Geltung kommen.

          Castellio ist als Querdenker ein Geheimtip. Den Weg zu ihm hin erschließt der unlängst verstorbene Baseler Historiker Hans R. Guggisberg. Seine Biographie Castellios bildet den Schlußstein seiner jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit und dem Denken dieses Geistesverwandten des Erasmus von Rotterdam.

          Für Castellios Aktualität spricht nach Guggisbergs Einschätzung seine unzeitgemäße, weil überparteiliche Dekonstruktion des Ketzerbegriffs, der stets als polemische Waffe im Gesinnungsterror gegen Andersdenkende verwendet wurde. Die Glaubensmehrheit einer Region oder eines Landes denunziere unbequeme Dissidenten bevorzugt als Häretiker. So bezeichnete laut Castellio Jean Calvin alle als Ketzer, die sich weigerten, seinen Genfer Glaubensartikeln zuzustimmen, gleich, ob sie Papisten oder Lutheraner waren. Die Ketzerdefinitionen der verschiedenen konfessionellen Richtungen haben nach Castellio einen gemeinsamen Nenner. Er bestehe darin, "daß der für einen Ketzer gehalten wird, der mit unserer Meinung nicht übereinstimmt. Dies folgt aus der Tatsache, daß es unter all den zahllosen Sekten unserer Zeit kaum eine gibt, die die andern nicht als Ketzer bezeichnet, so daß man, wenn man in einer Stadt oder Gegend orthodox ist, in der nächsten für einen Ketzer gehalten wird."

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