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Rezension: Sachbuch : Er kennt sich nicht vor Kampfbegier

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Ich schreibe meine Memoiren - so tief bin ich gesunken", antwortete der alte Karl Barth, als ich ihn bei einem von der DDR-Regierung überraschenderweise gestatteten Besuch fragte, womit er sich zur Zeit beschäftige. Sein Schweizer Landsmann Hans Küng, der Karl Barth als väterlichen Freund erfahren hat, dürfte das anders sehen.

          Ich schreibe meine Memoiren - so tief bin ich gesunken", antwortete der alte Karl Barth, als ich ihn bei einem von der DDR-Regierung überraschenderweise gestatteten Besuch fragte, womit er sich zur Zeit beschäftige. Sein Schweizer Landsmann Hans Küng, der Karl Barth als väterlichen Freund erfahren hat, dürfte das anders sehen. Seinen Erinnerungen, deren ersten Teil er unter dem Titel "Erkämpfte Freiheit" soeben publiziert hat, merkt man an, daß er, wohin er auch kommt, allemal "den höchsten Punkt" sucht - und das wohl nicht nur, "um so Ausblick, Überblick und Einblick zu erhalten", sondern doch wohl auch deshalb, weil er da oben außer dem lieben Gott niemanden mehr über sich hat. Seine Memoiren dokumentieren Seite für Seite überlegte Überlegenheit.

          Auf nahezu sechshundert Seiten erinnert sich Hans Küng an die ersten vierzig Jahre seines Lebens. Eingeteilt in neun Kapitel, erzählt er von der politischen Freiheit, in die er als Schweizer hineingeboren wurde: ererbte Freiheit. Doch "was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen". Küng erzählt von der wissenschaftlichen Freiheit, die er sich mühsam erarbeiten, ja oft genug erstreiten mußte und die er dann leidenschaftlich verteidigt hat: erkämpfte Freiheit. Er erzählt von der erst in Konflikten sich bemerkbar machenden, jeder fremden Autorität schlechthin überlegenen eigenen moralischen Urteilskraft, die - so Hegel - anzutasten Frevel wäre: Gewissensfreiheit. Er erzählt von seinen eigenen Büchern und dem unterschiedlichen Echo, das sie weltweit hervorgerufen haben: erschriebene Freiheit. Und zugleich erzählt er von den Freiheitserfahrungen eines Christenmenschen, also von jener Freiheit, die man weder erkämpfen noch sonstwie erwerben kann: geschenkte Freiheit.

          Der Leser dieser Memoiren lernt den in Sursee heranwachsenden Schweizerknaben kennen, dessen Eltern es mit einem gutgehenden Schuhgeschäft zu bürgerlichem Wohlstand gebracht haben. Die Bedrohungen der politischen Freiheit werden sensibel wahrgenommen. Für den Elfjährigen - er schreibt schon damals ungewöhnlich lange Schulaufsätze - ist 1939 "moralische Aufrüstung zur geistigen und militärischen Landesverteidigung . . . die Forderung der Stunde". Der Katholizismus der Jugend ist eher mittelalterlich und barock geprägt, aber durchaus sinnenfroh. Nur ein inquisitorisch nachfragender Beichtvater stört den religiösen Frieden einer geschlossenen katholischen Welt. Doch ein charismatischer junger Pfarrhelfer erschließt neue Horizonte.

          In ihm begegnet dem heranwachsenden Jüngling das, was er später "das befreiend Jesuanische" nennen wird. Diese Begegnung führt zu dem Entschluß, Geistlicher zu werden. Die Entscheidung bahnt sich in der Luzerner Gymnasialzeit an, in der die Erfahrungen mit einer "offenen humanistischen Kultur" zur "Absage an das katholische Bildungsghetto" führen. Derart disponiert, zieht Hans Küng - wenn schon, denn schon - nach Rom, um im berühmten Collegium Germanicum et Hungaricum ein siebenjähriges philosophisches und theologisches Studium zu absolvieren - "sozusagen unter den Augen des Papstes". Jugendseelsorger will er werden, wofür ihm "ein Doktorat angemessen scheint". Und seelsorgerliche Absichten werden in der Tat seine ganze theologische Existenz bestimmen. Dem Leser wird versichert, daß der Germaniker Hans Küng "nicht nach einem hohen kirchlichen Amt und erst recht nicht nach einer Professur" schielte.

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