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Rezension: Sachbuch : Er ist gewissermaßen Kolumbus

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Als James Clifford und George Marcus 1986 unter dem Titel "Writing Culture" eine Reihe von textkritischen Abhandlungen zur Ethnographie herausgaben, eröffneten sie eine Debatte, von der damals nur wenige geglaubt hätten, daß es sich um mehr als eine jener Modeerscheinungen handeln würde, wie sie die amerikanische Ethnologie alle paar Jahre hervorzubringen pflegte.

          Als James Clifford und George Marcus 1986 unter dem Titel "Writing Culture" eine Reihe von textkritischen Abhandlungen zur Ethnographie herausgaben, eröffneten sie eine Debatte, von der damals nur wenige geglaubt hätten, daß es sich um mehr als eine jener Modeerscheinungen handeln würde, wie sie die amerikanische Ethnologie alle paar Jahre hervorzubringen pflegte. Tatsächlich aber sollte der Titel dieses Sammelbandes für eine ganze Epoche der neueren Ethnologiegeschichte namengebend werden. Fast anderthalb Jahrzehnte lang hielt die Auseinandersetzung über Fragen der ethnographischen Repräsentation das Fach in Atem. Erst in letzter Zeit ist es um ihre Wortführer ruhiger geworden. Zum Teil in interne akademische Machtkämpfe verstrickt, ergehen sie sich oft nur noch in Wiederholungen ihrer einst aufsehenerregenden Thesen. Ihre naive Unschuld hat die Ethnologie im Gefolge der von ihnen eingeleiteten selbstkritischen Wende gleichwohl verloren. Wer wagte es noch, einen ethnographischen Satz ohne selbstreflexiven Vorbehalt zu formulieren?

          In dieser Phase zunehmender Resignation scheint die Stunde jener großen alten Fachvertreter wieder zu schlagen, die gerade wegen ihres hohen Reflexionsniveaus zur Zielscheibe der postmodernen Kritik geworden waren. Clifford Geertz' hermeneutische Ethnologie erlebt mittlerweile eine kleine Renaissance, die der damals knapp siebzigjährige Autor 1995 durch die Veröffentlichung seiner Autobiographie selbst eingeleitet hatte. Sein nicht weniger berühmter Kollege Marshall Sahlins mag auf Ähnliches hoffen, wenn er nun, pünktlich zu seinem eigenen siebzigsten Geburtstag, eine Sammlung seiner wichtigsten Aufsätze vorlegt.

          Vergleicht man Sahlins' Biographie mit der der Gründungsväter des Faches, so hat sie wenig Aufregendes an sich. In Chicago geboren, hat er nach kurzen Umwegen über andere amerikanische Universitäten 1973 die Berufung auf einen der dortigen Lehrstühle für Cultural Anthropology angenommen. In Chicago unterrichtet er nach seiner Emeritierung auch heute noch. Feldforschungen führten ihn in die Türkei, auf die Fidschiinseln und nach Neuguinea, aber eine große Ethnographie, die Malinowskis Trobriander-Trilogie, Evans-Pritchards Buch über die Nuba in Sudan oder zumindest Geertz' Studie über die Religion von Java vergleichbar wäre, hat er nie vorgelegt. Spektakulär sind seine Arbeiten jedoch in einem ganz anderen Sinne. Kaum ein ethnologischer Autor hat die theoretische Diskussion mit ähnlicher Intensität vorangetrieben und sich dabei auf so Feldern bewegt. Doch hat auch kein anderer Autor seine theoretischen Grundpositionen so oft gewechselt wie er. Die in dem Band abgedruckten fünfzehn Aufsätze, die einen Zeitraum von fast vierzig Jahren umfassen, lesen sich wie ein Abriß der Geschichte neuerer ethnologischer Theorie.

          Den Auftakt bildet ein als "Off-Broadway Review" betiteltes Theaterstück, das freilich nie zur Aufführung gelangte. Es ist eine satirische Auseinandersetzung mit dem soziobiologischen Menschenbild von Robert Ardrey. Weshalb Sahlins diese etwas verstaubte wissenschaftliche Klamotte um einen fast vergessenen Autor aus dem Jahr 1964 an den Anfang seines Buches stellte, läßt sich nur vermuten. Vielleicht versteht er das Stück im nachhinein als Parodie auf die verschiedenen Spielarten dialogischer und polyphoner Ethnographien, wie sie im Fach erst mehr als zwanzig Jahre später im Zuge der "Writing Culture"-Debatte zu Ehren gelangen sollten.

          Sprechende Hunde gibt es nicht.

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