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Rezension: Sachbuch : Einträgliche Geschäfte einer weichen Seele

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Ihre Briefe zeugen von ihrem Talent, geschäftliche Verhandlungen geschickt mit dem Ton des empfindsamen Freundschaftskultes der Zeit zu verbinden und sich in einer entwaffnenden Mischung aus Bescheidenheit und souveräner Bildung darzustellen. In ihren deutschsprachigen Briefen (sie korrespondierte flüssig auch auf Englisch, Italienisch und Französisch) erhöht sich durch den Dialekt und die auch für die Zeit kuriose Rechtschreibung der Eindruck jener "Natürlichkeit" des Verhaltens, die ihr zugeschrieben wurde. Insbesondere die führenden Literaten der Zeit betörte sie durch unmittelbares gefühlvolles Reagieren auf deren Neuerscheinungen.

Gleich nach dem Erscheinen des "Messias" malte sie 1769 "Der besessene Samma beklagt seinen Sohn Benomi" und schrieb an Klopstock im schönsten Stil der bescheidenen Empfindsamkeit: "Wie ist es möglich daß ich ein so schätzbares geschencke wie Ihr Messias Empfangen kan ohne ihnen meinen schuldigsten Danck darfor abzustatten? aber mir fehlen worte die freude auszudrücken, die sie mir darmit verursachen. Das unendlich schöne, das Edle das erhabene so ich in ihrem Messias finde, bewegt meine ganze Seele." So löste sie ihr Programm einer Verschwisterung von Literatur und bildender Kunst kommunikativ ein, das sie in ihren Selbstporträts "inspiriert von der Muse der Poesie" gleichsam als Markenzeichen inszenierte.

Das Lob ihrer Natürlichkeit variiert freilich einen gönnerhaften Topos der Charakterisierung malender Frauen, der sich seit Vasaris Künstlerbiographien bis zu Winckelmann, Klopstock, Herder und Goethe tradiert hat. Unmittelbarer als männlichen Künstlern schrieb man ihren Bildern Beseelung zu und erkannte gleichzeitig in ihrer Person den Inbegriff der schönen, guten, zarten oder gar engelsgleichen Seele. Schon während Goethes italienischer Reise hatte sich diese Stilisierung weithin eingebürgert. So schreibt die Hofdame Anna Amalias 1788 Einverständnis heischend an Goethe in Rom: "Diese Frau ist eine so schöne Seele, wies wenige gibt und durch die Liebe zu ihr, wird man glaube ich selbst besser."

Goethe selbst hat sie dann in der "Italienischen Reise" ob des Interesses für seine Iphigenie, deren "Achsenszene" ("Seid ihr auch schon herabgekommen?") sie 1787 zeichnete, als Ikone der Empfindsamkeit und Empfänglichkeit verewigt: "Die zarte Seele Angelica, nahm das Stück mit unglaublicher Innigkeit auf, sie versprach mir eine Zeichnung daraus aufzustellen, die ich zum Andenken besitzen sollte." Was Goethe von ihrer Kunstfertigkeit hielt, bleibt jedoch merkwürdig vage, gelegentlich scheint ihn ihre Anpassung an den Publikumsgeschmack zu stören. Im Verlauf der Entwicklung seiner klassizistischen Kunstauffassung lehnte er die Poetisierung malerischer Gegenstände nach der Art Füsslis und Kauffmanns ab. Illustrationen für die Leipziger Ausgabe wollte er aber zu deren "Hebung" unbedingt haben.

Mit Respekt und ein wenig Eitelkeit schreibt er 1787 an Göschen: "Von Mad. Angelica will ich schon vor erst eine Zeichnung zum fünften Bande zu erhalten. Sie hat so viele Bestellungen, daß kein Federzug von ihr mit Gold zu erhalten ist, was sie nicht aus Gefälligkeit tut." Angelika Kauffmann hat sich gegen die Etikettierung als gute Seele nie gewehrt, sie vielmehr nach Kräften bestätigt, auch praktisch in ihrer Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit, mit der sie Verwandte und Freunde unterstützte; vereinnahmen aber ließ sie sich nicht.

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