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Rezension: Sachbuch : Einhundert Millionen

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Von Rußland bis Nordkorea: Ein französisches "Schwarzbuch" bilanziert die Toten des Kommunismus

          Gezählt hat sie keiner. Fünfundachtzig, vielleicht sogar hundert Millionen sollen es seit 1917 gewesen sein. Zum achtzigsten Geburtstag der Oktoberrevolution haben französische Historiker eine Bestandsaufnahme der im Namen des Kommunismus erfolgten Verbrechen vorgelegt: "Le livre noir du communisme. Crimes, Terreur, Répression". Der 850 Seiten umfassende Sammelband ist in den Editions Robert Laffont erschienen, der Historiker Stéphane Courtois zeichnet als verantwortlicher Herausgeber. Von Rußland bis Vietnam, von der ehemaligen DDR über Äthiopien und Kambodscha bis China, Kuba, Nordkorea wird eine Bilanz erstellt. Der Befund ist niederschmetternd. "Der Nürnberger Prozeß des Kommunismus" überschrieb Pierre Daix im "Figaro" seine Besprechung: "In den meisten kommunistischen Ländern gehörten die Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Regierungssystem."

          Nicolas Werth befaßt sich mit der Sowjetunion. Für die Zarenzeit zwischen 1825 und 1917 zählt er 6321 politische Todesurteile. Die am 20. Dezember 1917 gegründete Tscheka hat innerhalb weniger Wochen mehr als doppelt so viele Exekutionen vorgenommen, und dies, bevor der Ausbruch des Bürgerkriegs zum Vorwand für eine Radikalisierung der bolschewistischen Politik genommen werden konnte: Der Terror hat schon mit Lenin begonnen. Der Historiker widerlegt auch die von den Trotzkisten propagierte Auffassung, die stalinistische Repression - zu deren ersten Kritikern sie gehörten - hätte nur oder vorwiegend revolutionäre Kommunisten getroffen. Nicolas Werth versucht akribisch, die "gewöhnlichen Opfer" zu beziffern: von erschossenen Streikenden über ermordete Oppositionelle bis zu den systematisch ausgehungerten Bauern. Französische Rezensenten des Buchs loben seine Bemühungen, diese "Vergessenen" der kommunistischen Verbrechen in Erinnerung zu rufen.

          Als Bilanz der Schreckensherrschaft der Jahre 1936 und 1937 korrigiert Werth die drei Millionen, von denen der britische Historiker Robert Conquest in den sechziger Jahren sprach, ein bißchen nach unten. Sieben Millionen Menschen seien zwischen 1934 und 1941 in den GULag eingewiesen worden - doch in dieser Statistik sind wegen Verlegungen einzelne Opfer mehrmals verbucht. Am 1. Januar 1941 zählten die Arbeitslager und Strafkolonien rund zwei Millionen Häftlinge. Schwieriger fällt die statistische Erfassung der vergleichsweise ruhigen Phasen zwischen zwei Terrorwellen. Das gilt für die Zeit des Tauwetters und der Perestrojka ebenso wie für die zwanziger Jahre der Neuen Ökonomischen Politik, an die sich unverbesserliche Leninisten noch immer zu klammern versuchen. Werth erinnert daran, wie damals in Tambow die aufständischen Bauern verschleppt, erschossen und in den Wäldern vergast wurden.

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