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Rezension: Sachbuch : Eine Bildungskatastrophe findet nicht statt

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Wie man sie leider nicht erlebt hat: Deutschlands Universitäten porträtieren sich selbst

          Auf das Hauptgebäude der Hamburger Universität laufen zwei Gehwege zu, auf denen Pfeile den Weg zur monumentalen Kuppelarchitektur weisen. Wege heraus sind nicht markiert, und dieses Foto aus dem großformatigen Übersichtsband "Universitäten in Deutschland" mag vielleicht besser als alle Beschreibungen die Studiensituation im heutigen Deutschland paraphrasieren. So leicht der Zugang überwiegend ist, so erstaunlich verworren ist die Organisation der Universitäten im Inneren, und heraus kommt man nicht selten lediglich über Hintertüren oder Schleichwege.

          Der aufwendige Bildband, der hier anzuzeigen ist, erzählt allen Akademikern der Republik auf deutsch und englisch, an was für einer Prachthochschule sie (gewesen) sind und wie überhaupt das Universitätssystem in Deutschland funktioniert. Hierzu haben die drei Herausgeber acht weitere Experten gewonnen, die in kurzen Essays Licht hinter die Kulissen der Hochschullandschaft werfen sollen. Allerdings wird in diesen Artikeln recht wenig gesagt, was man nicht ohnehin wüßte: die Nachteile der Massenuniversität, die Legende von alter Burschenherrlichkeit, die zeitweise Ambivalenz von Lehre und Forschung.

          Die Einzelporträts der 113 Universitäten hingegen werden von ihnen selbst verantwortet. Hier wird auf jeweils ein bis zwei Seiten ein Wunschbild der eigenen Alma mater entworfen, das mit der Realität, soweit der Rezensent sie beurteilen kann, nicht durchweg in Einklang zu bringen ist. Aber wer wollte es Institutionen ernsthaft übelnehmen, daß sie nur die eigenen Stärken herausheben? Schließlich ist der vorliegende Foliant auch eine luxuriöse Werbeschrift, die zudem dank der Zweisprachigkeit des Textes auch im Ausland zu Studienaufenthalten in Deutschland ermuntern könnte. So manches Faktum fiel bei der Übertragung ins Englische unter den Tisch, es kam aber auch Erhellendes hinzu. Nur der des Englischen Kundige bekommt somit zu erfahren, daß die Wissenschaftler der Universität Oldenburg im Jahr 2005 eine zwanzigbändige kritische Tucholsky-Ausgabe herauszugeben gedenken oder daß der Beschluß der Freien Universität Berlin zur Reduzierung der Studienplätze nicht so reibungslos erfolgte, wie es der deutsche Text suggeriert, sondern aufgrund von "firm intervention of both the state government and the university itself".

          Dafür verschweigt die Konkurrenz von der Humboldt-Universität ihren englischen Lesern den Exodus jüdischer Wissenschaftler unter den Nazis und die aktive Beteiligung von Studenten und Mitarbeitern an der Bücherverbrennung. Gleich ein ganzes Schock von Hochschulen feiert sich zweisprachig als "eine der wenigen deutschen Campus-Universitäten". Dennoch erfährt man natürlich auch durchaus Wissenswertes, und als Ganzes gelesen erweist sich das Buch als ein fundiertes Kompendium zur deutschen Bildungsgeschichte. Schon der kurze Hinweis auf die Erfolglosigkeit aller Bemühungen, unter preußischer Herrschaft eine Universität im Ruhrgebiet anzusiedeln, ist höchst interessant, illustriert er doch die Angst vor dem Bündnis von Arbeit und Bildung.

          Bemerkenswert ist aber vor allem die Sammlung von graphischen Darstellungen zum deutschen Universitätssystem, die eine Fülle von Informationen bieten, die man bisher mühsam zusammenklauben mußte. Hier findet man Daten zu den Auslandskontakten deutscher Hochschulen, zur allgemeinen Organisation, ja selbst zu den Kosten eines Studiums. Außerdem enthält das Buch eine Liste der deutschen Nobelpreisträger (bezeichnenderweise aber ohne Friedens- und Literaturpreisträger), die immerhin auch schon den Namen der 1995 ausgezeichneten Biologin Christiane Nüsslein-Volhard enthält.

          Seltsam indes sind noch zwei Dinge: Viele Universitäten beklagten ihre Überbelastung, doch scheint der Hinweis darauf, daß man zu den größten Hochschulen zählt, immer noch attraktiv zu sein. Dagegen gibt keine einzige Universität einmal ihre Absolventenzahlen bekannt. Und schließlich darf einem renommierten Verlag wie Prestel der Vorwurf nicht erspart werden, daß man beim Bildmaterial mehr Sorgfalt hätte walten lassen können. Vom Schinkeltor, einem der wenigen Vorkriegsrelikte der Leipziger Universität, ist gerade die Oberkante im Bild. Die angebliche Fotografie vom "Wettrudern in Tübingen" müßte den Betrachter am Geisteszustand der abgebildeten Studenten zweifeln lassen, wenn er nicht wüßte, daß es sich um das berühmte Stocherkahnrennen handelt, bei dem nahezu alles gestattet ist, nur nicht der Einsatz von Rudern. Und dann hätte der Verlag den Universitäten die Hälfte der eingereichten Bilder wegen mangelnder Qualität wieder zurücksenden sollen. ANDREAS PLATTHAUS

          Christian Bode, Werner Becker, Rainer Klofat (Hrsg.): "Universitäten in Deutschland". Prestel Verlag, München 1995. 320 S., Abb., geb., 78,- DM.

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