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Rezension: Sachbuch : Ein, zwei, viele Achtundsechzig

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Putzmunter: Wolfgang Kraushaar deutet die Studentenrevolte

          "1968 ist ebenso nah wie fern", konstatiert der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar in seinem neuen Buch "1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur". Nah und fern zugleich ist das Schlüsseljahr in den kulturellen Prozessen der Gegenwart, die sich im Megahertztakt von dem magischen Datum entfernt und doch von den Achtundsechziger-Impulsen maßgeblich geprägt ist. Das Jahr, in dem Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kiesinger aus Protest gegen seine Nazi-Vergangenheit demonstrativ ohrfeigte und dafür bei ihrer Rückkehr in Paris Blumen und Dank von Heinrich Böll vorfand, ist jedenfalls noch längst kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. 1968, für manche gar eine Chiffre für eine Art soziokultureller Nachgründung der Republik, wirkt fort. Analytische Distanz ist nicht leicht zu gewinnen, und die wissenschaftliche Erforschung des Ereigniszusammenhanges, für den das Kürzel 1968 steht, steckt erst in den Anfängen.

          Kraushaar, bisher vor allem als Chronist bundesdeutscher Protestbewegungen hervorgetreten, hat nun einen wichtigen Beitrag zu Analyse und Deutung der Ereignisse vorgelegt. In zwölf Essays erörtert der Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung zentrale Aspekte der antiautoritären Revolte, ihrer Bedingungen und Wirkungen. Das Spektrum der Themen reicht von der Globalität des Achtundsechziger-Phänomens über die Rezeption transatlantischer Protesttechniken und die Bedeutung symbolischer Kommunikation bis hin zum Stasi-Einfluß auf die Achtundsechziger-Akteure.

          Durchweg deutlich wird die zentrale Bedeutung der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Dieser hochaufgeladene Diskurs verlieh der bundesdeutschen Revolte eine besondere existentielle Schärfe. Ihre Verkörperung fand die Bewegung in ihrem Wortführer Rudi Dutschke. Es ist sicher nicht übertrieben, wenn Kraushaar feststellt: "Rudi Dutschke war in der alten Bundesrepublik der wichtigste nichtparteigebunden politisch Handelnde." Zwei Ideenkomplexen von Dutschke widmet Kraushaar besondere Aufmerksamkeit: Dutschkes Diktum vom "langen Marsch durch die Institutionen" und seinen Wiedervereinigungsgedanken. Der "lange Marsch", den "Der Spiegel" unlängst als Achtundsechziger-Erfolgsstory pries und bei dem laut "taz" nur einer durchkam (der Marathonmann Fischer natürlich), erweist sich bei näherem Hinsehen als Adaption von Ideen Che Guevaras und Revolutionstheoremen aus seinem Umkreis. Guerrillakampf in der Dritten Welt und subversiver Kampf im Institutionendschungel der ersten sollten, so Dutschkes Theorie, einander ergänzen.

          Daß der Internationalist Dutschke zugleich ein Patriot war, der zeitlebens an der Forderung der Wiedervereinigung Deutschlands festgehalten hat - wenn auch über weite Strecken unter Pseudonym -, weist Kraushaar in einem anderen Text nach. Er legt hier eine Seite Dutschkes frei, die bisher so noch nicht sichtbar war: Er wollte die Spaltung Deutschlands durch einen sozialistischen Umsturz in beiden deutschen Staaten überwinden.

          Mit ihren politischen Zielen ist die Achtundsechziger-Revolte fast auf der ganzen Linie gescheitert. Prozesse des Auseinanderfallens und der Radikalisierung waren die Folge. Ein Produkt dieser Entwicklung war die RAF. Kraushaar beschreibt ihr Verhältnis zur Studentenbewegung als eigensinnige Mischung aus Nähe und Distanz. Ins Auge fällt dabei die anhaltende Identifikationsbereitschaft der radikalen Linken mit den selbsternannten Volksbefreiungskämpfern. "Die RAF", so Kraushaar, "war ein Psychodrom". Offenbar eines, das bis in die Gegenwart hineinwirkt, wenn man an die mythologisierenden Tendenzen der jüngsten Erinnerungsbücher aus RAFler-Kreisen denkt. Dieser mit dem Stichwort Psychodrom angedeutete Zusammenhang hätte eine vertiefte Betrachtung verdient.

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