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Rezension: Sachbuch : Ein Tiefenbohrer im Betrieb

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Der Marbacher Katalog über die deutsche Literatur um 1955

          "Konstellationen. Literatur um 1955" nannte das Deutsche Literaturarchiv eine Ausstellung im Schillermuseum zu Marbach am Neckar, die am 31. Oktober zu Ende gegangen ist. Damit hat sich das Deutsche Literaturarchiv selbst gefeiert, genauer: seinen Geburtstag und seine Gründung vor vierzig Jahren. Für ein paar Monate hat es eine erinnerungssatte Nostalgie entfaltet. Und sein gegenwärtiger Chef, Ulrich Ott, gedachte der Gründungszeit mit Worten, die ihr gemäß sind: Damals habe die Deutsche Schillergesellschaft "aus dem Umgang der Deutschen mit ihren Klassikern in finsterer Zeit, 1933 bis 1945, nach dem Ende des Krieges und nach einem Jahrzehnt der Selbstgewinnung die Lehre gezogen, das - politisch oft mißbrauchte - geistige Erbe Schillers werde lebendiger erhalten, wenn man in Verbindung mit seinem Namen auch der Literatur unseres Jahrhunderts und der Gegenwart diene".

          So zu lesen in dem umfangreichen Katalog zur Ausstellung, der fast ausschließlich Bilder von Schriftstellern, von Zeitschriften und von Buchumschlägen anzuschauen gibt viel Text enthält, der die Zusammenhänge der ausgestellten Dokumente erläutern soll - die Konstellationen der literarischen Verhältnisse in BRD und DDR in der Umgebung des Jahres 1955.

          Fast beispielhaft für die Ausstellung und Katalog bestimmende historische Konstellation: Thomas Mann hielt zweimal dieselbe Rede zum 150. Todestag von Friedrich Schiller, in Stuttgart am 8. Mai (Theodor Heuss war nur als Privatmann anwesend, ausdrücklich nicht als Bundespräsident) und eine Woche später in Weimar (mit aller offiziell beschlagnahmenden Ehrung und gefolgt von einem "Orkan der Akklamation"). Unterm ersten Kapitel des Katalogs - "Literatur und Politik" - wird, getrennt wie Deutschland, in zwei Teilen dieses "Glücksfalles" gedacht, "daß sich als Hauptredner ein Repräsentant des deutschen Geisteslebens zur Verfügung stellte, der im Westen wie im Osten gleiches Ansehen genoß und, als amerikanischer Staatsbürger in der Schweiz lebend, vor partikularistischen wie nationalistischen Tönen gleichermaßen gefeit war".

          Drei Tage zuvor hatte die Bundesrepublik ihre staatliche Souveränität erlangt - in der DDR schlug dazu Otto Grotewohl, anläßlich der Schiller-Ehrung der deutschen Jugend, den Auftakt: "Und den alten Mordbrennern sollen ebenfalls Atomwaffen in die Hände gedrückt werden. . . Drüben in Westdeutschland sollen die Söhne der Arbeiter und Bauern als Söldner an die amerikanische Nato verschachert werden . . . Hier ist es Pflicht und Ehre, für die Verteidigung zu wirken." Ein Denkmuster der vierzigjährigen Folge-Konstellation.

          Der Katalog versucht eine konsequente literarische oder zumindest literaturbetriebliche Tiefenbohrung und ist, nach dem manifesthaften Auftakt, klassisch gleichsam nach Gattungen gegliedert: den "seismographischen Apparaturen", wie er im zweiten Kapitel die literarischen Zeitschriften nennt, folgen die Abteilungen "Literatur im Rundfunk", "Theater", dann freilich ziemlich lapidar und allgemein "Neue Bücher" und, etwas überraschend, ein Abschlußkapitel "Westkunst/Ostkunst" (vor allem stehen da der "formale" Schweizer Modernist Max Bill und Max Bense, der Theoretiker einer "informellen experimentellen" Moderne, gegen die "modernistischen Realisten" Gustav Seitz und Waldemar Grzimek).

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