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Rezension: Sachbuch : Ein Paar im Geiste Brechts

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Helene Weigel und Karl von Appen zum Hundertsten

          6 Min.

          Das Photo findet sich in dem jüngst erschienenen Helene-Weigel-Bildband der Berliner Photographin Vera Tenschert. Es zeigt am Hoftor des Theaters am Schiffbauerdamm, das schon damals den Namen der dort spielenden Bühnenkompanie (Berliner Ensemble) anzunehmen begann, eine Frau, die mit hochgereckter Grußhand und freudig aufgerissenem Mund in die Luft springt, dazu einen Mann, der mit sanftem Lächeln hinter ihr Hände schüttelt. Es sind Helene Weigel und Karl von Appen - zwei Künstlernaturen, die außer ihrem Bezug auf Brecht und sein Theater nur eines gemein hatten: die Tatsache, dass sie am gleichen Tag des gleichen Jahres, dem 12. Mai 1900, geboren waren, die eine in Wien, der andere in Düsseldorf.

          Sie haben siebzehn Jahre zusammengearbeitet und konnten im Theater niemals allein Geburtstag feiern, sondern immer nur im Verbund. 1960 ist jenes Photo entstanden, und für die beiden Sechzigjährigen war dies, elf Jahre nach der Gründung des Ensembles, ein Festtag auf der Höhe einer künstlerischen Wirksamkeit, der es nach dem harten Einschnitt, den Brechts Tod 1956 bedeutet hatte, gelungen war, sich produktiv zu erhalten. Im April erst hatte Erich Engel, der Chefregisseur, in einer exzellenten Besetzung die "Dreigroschenoper" zu einem durchschlagenden Erfolg gebracht; der fesselnde Weigel-Briefband, den Stefan Mahlke kürzlich bei "Theater der Zeit" herausgebracht hat, lässt erkennen, dass die Intendantin das Stück gegen den erklärten Willen des Kulturministers Alexander Abusch durchgesetzt hatte.

          Ein Jahr zuvor hatte das Regieteam Peter Palitzsch/Manfred Wekwerth mit dem exzeptionellen Ekkehard Schall in der Titelrolle ein aus Brechts Nachlass zutage gefördertes Stück über Hitlers Aufstieg in einer Weise inszeniert, die alle Einwände über die Zulässigkeit der Travestie bei diesem Gegenstand niederschlug und, wie auch die neue "Dreigroschenoper", anderthalb Jahrzehnte lang ein volles Haus machte. Karl von Appen hatte beiden Aufführungen das Gepräge einer Bildkunst gegeben, die schon beim Kostümentwurf immer das Ganze der Figur sah, eine theatralisch ausgeprägte Individualität, die dem gestischen Element Anhalt und Fülle gab.

          Aus Dresden, wo er als Ausstattungsleiter der Staatstheater wirkte, hatte Brecht ihn 1952 durch Peter Palitzschs Vermittlung an seine Seite geholt. Es galt, ein Stück, "Katzgraben" mit Namen, zu ermöglichen, das Brecht vom Sujet her wichtig war: Erwin Strittmatter hieß der Autor dieser klassenkämpferischen Komödie aus Bodenreformland. Wenn Manfred Wekwerth, der als Zweiundzwanzigjähriger zu Brechts Kompanie gestoßen war, damals meinte, Appens Entwürfe, die der Szene und die des Kostüms, hätten "der Arbeiterklasse ein Gesicht wachsen lassen", so traf das in anderer Weise auch auf die Politgangster in "Arturo Ui" und das viktorianisch-halbseidene Personarium der "Dreigroschenoper" zu. Appens graphische Menschenbildnerei operierte nicht deduktiv, von einer vorgefassten (und dann effektvoll variierten) Formvorstellung her; sie näherte sich ihrem Gegenstand auf induktivem Weg: aus der Begründung einer ohne formale oder gar ideologische Vorgaben ins Auge gefassten sozialen Realität, die in Kunstwirklichkeit zu verwandeln war. Er nannte das "vom Nullpunkt ausgehen". Der Gegenpol dazu war jenes als "dekorativ" abgewiesene Herangehen, das sich durch Attitüden und Abstraktionen über die Vertiefung ins Konkrete hinwegsetzte.

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