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Rezension: Sachbuch : Ein Jenseits im Nahbereich

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Wodurch kam Hochkultur so richtig hoch? Kaum hatten aufkeimende religiöse Systeme, um zu wachsen, sich an den hellsten Köpfen ihrer Epoche hochgeschaukelt (Hieronymus, Thomas von Aquin, Luther), wurden ebenso helle Köpfe wach als Ketzer und Wertezertrümmerer (Cartesius, Kant, Nietzsche) und schaukelten ...

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          Wodurch kam Hochkultur so richtig hoch? Kaum hatten aufkeimende religiöse Systeme, um zu wachsen, sich an den hellsten Köpfen ihrer Epoche hochgeschaukelt (Hieronymus, Thomas von Aquin, Luther), wurden ebenso helle Köpfe wach als Ketzer und Wertezertrümmerer (Cartesius, Kant, Nietzsche) und schaukelten sich rauf an der Widerlegung all der hochgezogenen Theoreme und Termini, bis Religion bloß noch von Normalos (Papst, Bischöfe, Küng) und deren Verehrern weitergewalzt wurde.

          Buddha beseitigte beides in einem Aufwasch: Götter wie Dämonen, alles eine Bagage. Bischof Irenäus von Lyon sägte gnostische Hirngespinste ab; Diogenes von Apollonia sprach den Pflanzen das Denken ab; Wang Tschung (27 bis 97 nach Christus) nannte die Lehren von Yin, Yang und Dao "leeres Geschwätz". Doch jederzeit wuchs das spirituelle Unkraut sofort wieder nach, problemlos, so rationalistisch es auch immer wieder eins drauf bekam: Kaum wurde Erzgeisterseher Emanuel Swedenborg in enge Grenzen verwiesen von Alleszermalmer Immanuel Kant, um alsbald, reinkarniert in Dr. Rudolf Steiner, einen neuen Anlauf zu starten, reinkarnierte Kant in Adorno, um erneut allem visionären Wildwuchs extrem unspendable "Thesen gegen den Okkultismus" entgegenzuwuchten - ein ewiges Gezerre und Possenspiel, das zum Glück nicht aufhört. Sondern sich verlängert.

          Diesmal in der bayerischen Geisterseherin oder besser: Geisterfühlerin Luisa Francia. Die die Frage aller Stehaufweiblein und Stehaufmännchen "Gibt es Geister und Geistinnen?" angenehm tückisch beantwortet, nämlich mit Buddha: Die desolat geisterlose Realität der Realisten sei doch ebenfalls nur Blendwerk. Wodurch Mensch und Geist optimal auf einer Ebene landen, alles eine Bagage. Übrigens auf einer Seins-Ebene. Unangekränkelt von Allan Kardecs "Le Livre des Esprits", 1857, Arthur Schopenhauers "Versuch über das Geistersehen", Kants Subjekt-Objekt-Relation oder C. G. Jungs Begriff "psychischer Realitäten", dafür aber nicht diesseits jeder Geisterwelt.

          Neben Kants Hirngespenster- und "Focus imaginarius"-Theorie sieht jede, die heute, unbeleckt wie am ersten Tag, den Finger zu abgehakten Themata hebt, unvermeidlich flachschürferisch bis esprit-los aus, um nicht zu sagen: von irgendwelchen Geistern verlassen, schier geistesschwach. Andererseits sehen neben einer quirlig schillernden, kreativen, viel rumgekommenen, sensitiven Neo-Hexe wie Luisa Francia die landesüblichen Normalos, Ungeister, Wirtschaftsprüfer, Skeptiker und Agnostiker arg monophon, unbegeisterbar und blaß aus, um nicht zu sagen: lemurenbleich.

          Geistigkeit und Geisterglaube hören bis dato nicht auf, sich feindlich auszuschließen. Jeder Geistesstufe ihr Offenbarungs-Modul: Hegel machte es nicht unter dem Weltgeist. Shri Aurobindo kam erst mit der Seins-Ebene des Supramentalen auf seine Kosten. Luisa Francia, statt wahnwitzig wie Swedenborg und Steiner in coelestischen Arkana zu versinken, in unsagbar überbelichteten, wenn auch menschenförmigen Engels-Universen, nippt bloß sympathetisch bis touristisch mit auf die Stirn geschobener Sonnenbrille und blütenweißer Sommerhose am Ensemble ihrer putzig hausbackenen Entitäten, alles im Nahbereich. Geistesgeschichtlich gleich weit entfernt vom Sanctus spiritus abgehalfterter Geistlichkeit wie von Schloßgespenst und von Geisterjäger John Sinclair gejagtem Trivial-Vampir, läßt sie sich am ehesten lokalisieren bei paracelsisch-anthroposophischen Elementargeistern, nicht gänzlich kontaktscheuen Hauskobolden, die man wie Meerschweinchen und andere Tamagotchis auf Augenhöhe halten und mit Opfergaben, Teelichtern und Katzenfutter versöhnen kann.

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