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Rezension: Sachbuch : Ein Imperium wehrt sich

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Die Legenden leben fort: Erinnerungen von Daniel Wildenstein

          5 Min.

          PARIS, im Januar

          Château de Marienthal. Niemand wusste, warum die Villa in Verrières-le-Buisson, ein paar Kilometer südwestlich von Paris, ausgerechnet diesen deutschen Namen trug. Doch während des Ersten Weltkrieges wurde deswegen ihr Besitzer, welcher sie um 1908 erworben hatte, von der französischen Presse rüde als "boche" bezeichnet. Dabei war Nathan Wildenstein (1851 bis 1934) alles andere als deutschfreundlich. 1870 hatte er angesichts der anrückenden Preußen seine elsässische Heimat verlassen. Der Spross von Pferdehändlern in Fegersheim, deren Familienname wohl einer Burg in den Vogesen entlehnt ist, kam über Umwege nach Paris und zur Kunst.

          Die "Maison Wildenstein" ist nun schon lange eine veritable Institution. Die seit etwa 1880 agierende Dynastie von Pariser Kunsthändlern hat ihr Stammhaus in der 57, rue La Boétie im Quartier de l'Elysée. Der Gründer Nathan Wildenstein setzte auf Kunst des 18. Jahrhunderts. Patriot und Republikaner, war Wildenstein père dennoch Liebhaber der Kunst des Ancien Régime. Dessen Sohn Georges (1892 bis 1963) dagegen - Wildenstein fils - öffnete sich vor allem dem Impressionismus und Nachimpressionismus. Darauf wiederum hat Wildenstein petit-fils aufgebaut, der 1917 geborene Enkel Daniel, welcher jetzt als Autor eines Buches hervortrat, das sich aus der Familienchronik speist. Eigentlich erstaunlich, erfahren wir doch, dass Diskretion stets die oberste Tugend der Wildensteins und er selbst eher introvertiert gewesen sei. Das Buch "Marchands d'art" - Kunsthändler -, so der Titel, will keine Memoiren darstellen, sondern nur Erzählung sein. Ein Reporter des Magazins "L'Express", Yves Stavridès, hat ihm beim Erzählen gelauscht und mitgeschrieben.

          Ein wichtiges Standbein des Imperiums war seit 1889 und zunächst als Gimpel & Wildenstein die Galerie in Manhattan. Inzwischen ist die Zentrale des Unternehmens, der Wildenstein Inc., hier ansässig. Seit vor nicht allzu langer Zeit Jocelyne Wildenstein, eine enttäuschte Angeheiratete des New Yorker Zweiges, sich an ihrem Mann - an Daniels 1941 geborenem Sohn Alec - und den Seinen rächen wollte und Familiengeheimnisse der Presse preisgab, seit neben Wissenschaftlern und Journalisten auch das Finanzamt zur Raubkunst und zum Kunsthandel in der Nazizeit recherchiert, ist der Clan nervös geworden. Was liegt da näher, als endlich das Schweigen zu brechen, um Schmäher wie Hector Feliciano, Autor des Bestsellers "Le musée disparu. Enquête sur le pillage des oeuvres d'art en France par les Nazis" (Paris, 1995), Lügen zu strafen? Wenn Monsieur Daniel, wie man den Patriarchen respektvoll nennt, von seinen Großeltern Nathan und Laure, geborene Lévy, oder von seinen Eltern, Georges und Jane, erzählt, schüttelt er zwar den Kopf über Feindschaften zwischen Aschkenasim (Wildenstein) und Sephardim (Lévy), fügt aber ausdrücklich hinzu, dass Nathan und Laure deutsche Juden alles andere als sympathisch fanden. Geschätzt habe man nur Kahnweiler.

          Seine Großeltern, die ihm Marienthal schenkten, liebte Daniel zweifellos mehr als seine Eltern, doch auch Georges wird gewürdigt. Er soll überaus belesen, aber sehr abergläubisch gewesen sein. Seine Mätresse sei Redakteurin der "Gazette des Beaux-Arts" gewesen, und für sein Leben gern habe er Gemälde gereinigt. Oder Zeit auf der Rennbahn verbracht, ganz so wie bereits Nathan und Laure, ganz so wie nun Daniel und seine Söhne Alec und Guy. Wer hofft, über Letztere und deren Mutter, geschweige denn über die Plaudertasche von Schwiegertochter etwas zu erfahren, wird enttäuscht. Mit Storys von der Rennbahn in Auteuil schließt das Buch.

          Es scheint durch und durch harmlos - wären da nicht die zahlreichen pikanten Histörchen zum Kunstmarkt. Monsieur Daniel spricht über Prinzipien der "Maison Wildenstein", über die Zusammenarbeit mit Experten und Kunsthistorikern wie Bernard Berenson und Federico Zeri, die Begegnungen mit Kunden wie dem Sohn des Dr. Gachet oder Mister Goldwyn, dem G in MGM. Das im sympathischen Jargon eines bodenständigen Parisers geschriebene Buch berichtet von Originalen und Fälschungen - Kunstwerken wie Expertisen - und vom Wandel des Kunstmarkts. Wildenstein beurteilt Kunst auf CD-Rom, im Internet oder bei Steve Wynn in Las Vegas - auch einer seiner Kunden. Der Bonnard-Liebhaber erinnert sich an Ärger und Freuden mit Erben und Rechtsnachfolgern, an Prozesse und Affären.

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