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Rezension: Sachbuch : Ein häßliches Entlein macht Randale

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Ausstieg aus dem Kinderzimmer: Eine Biographie über Janis Joplin / Von Stewart O'Nan

          6 Min.

          Über Musik zu schreiben ist wie zu Architektur zu tanzen. Mit diesem Satz hat Laurie Anderson zugleich über- und untertrieben. Die tiefgehende und physische Reaktion, die Musik auf uns ausübt, kann nicht von einem anderen Medium erreicht oder nachgeahmt werden. Das ekstatische Gefühl, das uns zum Beispiel bei einem Lauf von John Coltrane oder dem Gebrüll von Nirwana überkommt, kann nicht entschlüsselt oder rationalisiert werden, auch wenn Tausende von Kritikern und Wissenschaftlern dies immer wieder versuchen werden.

          In ähnlicher Weise bleibt auch das Leben eines Menschen ein Geheimnis, gleichgültig, wie viele Informationen von Forschern und Biographen ausgegraben werden. Die Versuchung, zu psychoanalysieren und einem Leben rückblickend kausale Zusammenhänge zuzuschreiben, ist allzu groß. Ein Drama - und Biographien sind ihrem Wesen nach erzählend und dramatisch - verlangt danach, geduldig und gründlich darzulegen, wie und warum etwas geschehen ist. Dieser künstlerischen Strategie sollte man allerdings auch in den besten Fiktionen mit Mißtrauen begegnen.

          Wenn man diese Probleme auf einen Menschen überträgt, der schon zu Lebzeiten eine Ikone war, jung starb und durch diesen Tod noch legendärer wurde, erkennt man die Schwierigkeiten, mit denen Alice Echols konfrontiert war, als sie die Biographie Janis Joplins mit dem unglücklichen Titel "Scars of Sweet Paradise" schrieb. Wenn man dazu noch bedenkt, daß es bereits ein halbes Dutzend Biographien von Janis gibt - einige von Autoren, die der Sängerin sehr nahegestanden haben -, dann erscheint die Herausforderung, die Echols angenommen hat, fast nicht zu bewältigen.

          Aber die jüngste Biographin hat sich dazu entschieden, uns nicht allein Janis zu präsentieren. Der Untertitel des Buches verspricht, über "Life and Times" zu berichten; wir dürfen also hoffen, durch das Fenster von Janis' Leben einen Blick auf die größeren Zusammenhänge der Kultur und Gegenkultur der sechziger Jahre zu erhaschen. Dieser Ansatz ist vielversprechend, aber er birgt auch Risiken: Man stelle sich nur eine Biographie Lou Reeds vor, die ebenfalls das gesamte Amerika seiner Zeit im Auge hätte. Braucht man wirklich diese größere Perspektive, um die Ära Janis Joplins kritisch zu betrachten? Bietet nicht schon ihr Leben genügend kritische Ansatzpunkte?

          Dies scheint nicht der Fall zu sein. Echols stellt sich auf dem Umschlag ihres Buches als Historikerin, Kulturkritikerin und Wissenschaftlerin vor. Ihre einzige andere Buchveröffentlichung trägt den Titel "Daring to be Bad: Radical Feminism in America 1967-75", so daß man den Eindruck gewinnt, Janis bietet ihr eine geeignete Gelegenheit, ihre Theorien auszuarbeiten und unser Bild der Sängerin und der Kultur, die diese geprägt hat, zu überdenken. Ein solcher Zugang läßt Echols' Biographie etwas angestaubt erscheinen: Wir scheinen einen späten Ableger jener akademischen Untersuchungen der Populärkultur der späten achtziger Jahre in den Händen zu halten, die ihre Theorien gern an provokanten Medien-Ikonen wie Madonna oder Marilyn Monroe erprobten.

          Mit Janis' Geschichte, zumindest mit den äußeren Fakten ihres Falls, sind wir längst vertraut. Wir wissen Bescheid über ihre glückliche Kindheit im konservativen Port Arthur in Texas und über die schnell einsetzende Desillusionierung eines Teenagers, der sich als andersartig und als häßliches Entlein fühlte. In dieser Lage verliebt sich Janis in die Möchtegern-Aussteiger der Stadt (alles Typen mit einer Jack-Kerouac-Attitüde). Als sie das Studium an einem nahe gelegenen College aufnimmt, beginnt sie zu singen und gewöhnt sich an, in Blues-Kneipen zu trinken, um mit ihren Kumpels mithalten zu können.

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