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Rezension: Sachbuch : Ein frommer Bruder Stachanov

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Mystikbeauftragte berichten: Paul Mommaers und Alois M. Haas kennen sich aus mit dem ganz Anderen

          Wer Mystik mit Obskurantismus und Mysterisches mit Hysterischem verwechselt, ist bei Paul Mommaers an der falschen Adresse. Der niederländische Autor möchte, so sagt er, "eine deutliche und konkrete Darstellung dessen geben, was Mystik ist". Ein cartesianisches Programm? Eher ein Grundkurs in Religion, Ethik und Lebensgestaltung, bearbeitet von einem christlichen Fachleiter. Was sich dem erbaulichen Lehrplan nicht fügt, wird resolut ausgeschieden: heilige Narren oder allzu exzentrische Christusbräute, spekulative Mystik, Sufismus, Kabbala oder fernöstliche Spiritualität findet der Autor für Anfänger ungeeignet.

          Es geht um ein Idealbild mystischer Erfahrung, um das, was Mystik nach "gesunder" kirchlicher Lehre sein sollte. Mommaers' wichtigster Gewährsmann ist Johannes Ruysbroeck (1293 bis 1381), ein flämischer Mystiker, der trotz seiner Passion für das ganz andere erstaunlich viel Zeit hatte für die Polemik gegen die etwas anderen: Die "Brüder und Schwestern des freien Geistes", die ihr Heil jenseits kirchlicher Sakramente suchten, gefielen ihm gar nicht, und auch gegen Meister Eckhart, der "mehr wissen wollte als nötig war" (Johannes XXII.), hatte er so manches einzuwenden.

          Auch durch Mommaers' Schnellkursus geistert, als wichtigstes Lernziel, die Unterscheidung zwischen "echter" und "falscher" Mystik. "Falls die mystische Erfahrung die konkrete Tugendhaftigkeit steigert", so meint er, "dann kann man auf objektiver Grundlage annehmen, daß sie von Gott kommt." Unkonventioneller behandelt er die Frage, wer zum echten Mystiker nicht tauge. Völlig inakzeptabel ist Proust, der ja bekanntlich in eine teegetränkte Madeleine biß und danach der "köstlichen Substanz" des Selbst teilhaftig wurde - für Mommaers ein abschreckendes Beispiel "verschlossener Wesensmystik". In der Schublade "Naturmystik" findet sich Eugène Ionesco, der als Siebzehnjähriger einmal einen Moment lang den Himmel auf sich zukommen sah, dann aber doch nicht "der durch dieses herrliche Erlebnis erhobenen Forderung entsprechen" wollte.

          Aber hat der Dramatiker seine Begegnung der dritten Art nicht immerhin in einem leidlich apokalyptischen Theaterstück ("Fußgänger in der Luft") verewigt? Nun, dies zu erwähnen, hätte wohl Mommaers' zweitem Lernziel widersprochen: "Falsche Mystik entzieht sich der Aktivität." Der echte Mystiker ist ein Held der Arbeit, ein frommer Bruder Stachanov, der "das Ende seiner Kräfte nicht kennt, weil er aus dem Überreichtum des anderen schöpfen kann".

          Mystik befördert das Bruttosozialprodukt, und echte Mystiker - so lautet das dritte, nicht unsympathische Lernziel - sind keine asozialen Säulenheiligen oder misanthropen Eremiten. Es menschelt auch im Wärmestrom der Mystik, und Mommaers erteilt der mystischen Paarbildung sein Nihil obstat. Bei dieser sind nur "die Fallstricke der geistlichen Liebe" (Angela da Foligno) zu beachten und die Tatsache, "daß es der Gärtner war, der im frühen Lichte die Ranken hat gerichtet" (Ida Gerhardt). Um charmante Beispiele ist der Autor nie verlegen. Wie der heilige Franz von Sales einst zarte Bande zur heiligen Johanna von Chantal knüpfte - wer hätte das noch gleich gewußt? Nicht der Gärtner half, sondern ein Bischof: "Sagen Sie mir doch, bitte", hatte der Heilige den Prälaten gefragt, "wer ist denn jene blonde als Witwe gekleidete junge Dame, die während der Predigt immer direkt vor mir sitzt und so aufmerksam auf das Wort der Wahrheit hört?"

          Weht durch Mommaers' Büchlein der milde Hauch klösterlicher Einkehrtage, so herrscht in Alois Haas' Aufsatzsammlung die dicke Luft des Oberseminars. "Mystische Erfahrung" - schreibt der Zürcher Ordinarius für Altgermanistik - "ist christlich an jenem Punkt statuierbar, da die in Sätzen geronnene Glaubenserfahrung sich in intuitiv erlebende, fühlende, schmeckende, einigende, liebend denkende und denkend liebende, alle Kategorien transzendierende Anteilnahme permutiert, die alle menschlichen Möglichkeiten sinnlicher und geistiger Erfahrung synästhetisch affiziert, und zwar so, daß nicht der Objektbezug des Subjekts dominiert . . ., sondern der aktive Bezug des geglaubten Objekts zum ,passiv' glaubenden Subjekt."

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