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Rezension: Sachbuch : Ein Fremder mit einem gefährlichen Glitzern in den Augen

  • Aktualisiert am

Ein Fremder nur für Elisabeth Bronfen: Wir kennen die Geschichte, sie dagegen könnte im Kino stundenlang Freddy Quinn hören

          4 Min.

          Das Wunderbare am Kino ist bekanntlich, dass es die ganze Welt versammelt und vereinigt; der einzige Ort, wo alle - die Klugen und die Dummen, die Reichen und die Armen, die Frauen und die Männer, die Schwarzen, Gelben, Weißen, die Gläubigen und die Ungläubigen - die gleiche Sprache sprechen oder zumindest verstehen. Nur für neunzig Minuten, danach sind wir wieder einsam und allein - aber für diese kurze Zeit sind wir, wenn es gut geht, Teil der ganzen Menschheit gewesen: "one world", es gibt sie also doch. Jedenfalls ist das das Versprechen Hollywoods, und gelegentlich wird es gehalten. So sieht es wohl auch Elisabeth Bronfen, aber da sie nicht nur Kinogeherin, sondern auch Literaturwissenschaftlerin ist, wollte sie das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und hat also ein Buch geschrieben.

          "Heimweh: Illusionsspiel in Hollywood" ist offenbar der Versuch der Verfasserin, ihrer Leidenschaft fürs Kino wissenschaftlich Herr zu werden, was ihr ein bisschen zu gut gelingt: Am Ende, nach zehn Kapiteln und 550 Seiten, steht es 8:2 für die Wissenschaft, ein Kantersieg (die beiden Kapitel, in denen das Kino gewinnt, sind die über "The Searchers" und "Batman Returns"). Aber hatte das Kino überhaupt eine Chance? Das Buch beginnt mit einer Einleitung, wogegen an sich nicht viel zu sagen wäre, wenn diese nicht mit einem angsteinflößenden Hegel-Zitat und der desillusionierenden Überschrift "Der Gang in die Bibliothek" bestückt wäre und aus einer langen Nacherzählung von David Finchers Kultfilm "Seven" (saurer Kitsch, wenn Sie mich fragen) bestünde, die mit Bronfens Lieblingsbegriff "Kontingenz" gespickt ist und schließlich zu der Erkenntnis führt, dass wir im Kino ("virtuelle Heimat", sagt Bronfen) "nicht mehr, aber auch nicht weniger als das Versprechen eines provisorischen Glücks" erleben: offenbar ein großer Schritt für die Autorin, ein wohl eher kleiner für die kinogehende Menschheit.

          Immerhin ist ihr langer Anlauf zum kurzen Sprung komisch, aber das Lachen vergeht einem schnell beziehungsweise quälend langsam, wenn man am Ende des dicken Buches feststellt, dass die Leseerfahrung der Einleitung - viel Hirsebrei, aber wo bleibt das Schlaraffenland der Erkenntnis? - sich kontinuierlich fortgesetzt hat; eine praktisch überraschungsfreie Lektüre. Im ersten Kapitel, einer Analyse von G. W. Pabsts Film "Geheimnisse einer Seele", gelangen wir ins Innere des Buches, Elisabeth Bronfen öffnet ihre Erkenntnis-Schatztruhe: Dass das Ich "nicht einmal Herr ist im eigenen Hause", liest man dort - das gute, alte Freud-Zitat aus den "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse". In den Worten der Autorin: "Der Mensch ist sich im Kern seines Selbst fremd." Man schlägt sich an die Stirn: Natürlich! Dass man nicht selber drauf gekommen ist!

          Als Freud vor gut achtzig Jahren sein Heureka ausrief und zur dritten großen Kränkung der menschlichen Größensucht erklärte, mag er ein wenig zu begeistert über seine Erfindung des Rades gewesen sein, aber es lag zweifellos nicht einfach auf der Straße. Etwas anderes ist es, wenn Elisabeth Bronfen heute mutig verkündet: Der Mensch "ist seiner selbst nicht mächtig". Es ist eine Plattitüde, die, endlos ausgewalzt, immer platter wird: "Auch in den folgenden Filmanalysen soll auf dieses Bild des seines vertrauten Heimes entfremdeten Ichs (. . .) immer wieder zurückgegriffen werden."

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