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Rezension: Sachbuch : Ein Fall von reiner Rechtsleere

  • Aktualisiert am

Einfach unklug: Raphael Gross über "Carl Schmitt und die Juden"

          6 Min.

          In einem Brief aus dem Jahr 1952 berichtet Jacob Taubes vom Wiedereintritt eines Verbannten in die internationale Verfassungsgeschichte - an unerwarteter Stelle. Unter dem Schutz von UN-Soldaten, so teilt er Armin Mohler mit, wurde die "Verfassungslehre" Carl Schmitts aus der Jerusalemer Universitätsbibliothek geholt, die auf dem Scopusberg in einer Enklave lag. Der israelische Justizminister hatte sich beim Entwurf einer Staatsverfassung in Schwierigkeiten verwickelt, aus denen er sich am Leitfaden dieses einen Buches befreien wollte. Deshalb hatte er die militärisch eskortierte Ausleihe angeordnet. Kann man deshalb von Schmitt als dem heimlichen Kronjuristen Israels sprechen, der zugleich in sein Plettenberger "Glossarium" schreibt: "Gerade der assimilierte Jude ist der wahre Feind"? Wie unbedenklich muss ein Autorencharakter sein, damit man seine Bücher noch lesen darf?

          Jacob Taubes kommt in den nächsten Jahrzehnten auf diese Anekdote immer wieder zurück, weil sie von einer intellektuellen Leistung erzählt: Schwerer als das gesicherte Wissen um den Autor wiegt das Wissen-Wollen seines Werks, die theoretische Neugierde. Kaum würde der Justizminister das Militär in Bewegung gesetzt haben, um anschließend eigene Vorurteile nachzulesen oder sich vom Bösen interesselos unterhalten zu lassen. In der "Verfassungslehre" sucht er die unerwartete Antwort.

          Diesen offenen Horizont hat sich Raphael Gross mit seiner Arbeit über "Carl Schmitt und die Juden" verstellt. In ihrer habituellen Altklugheit sind Dissertationen die vielleicht pubertärste Gattung der Akademie, sie verführen zur Distanznahme durch apodiktische Kraftmeierei. Auch Gross ist dieser Versuchung der Form nicht entkommen: Weil er kein eigentliches Interesse an seinem Gegenstand besitzt, ist die Arbeit selbst uninteressant.

          Zum Verdienst rechnet sich die Arbeit an, endlich den Schmitt'schen Feind beim Namen genannt zu haben. Der Jude als Artfremder - so behauptet es das zentrale Kapitel über "Die Juden und der christliche Staat" - sei der einzylindrige Motor, der Schmitts Werk über mehr als sechs Jahrzehnte am Laufen gehalten habe; ihn zu vernichten sei der Antrieb seiner langen und weit gestreuten Produktion gewesen. Der gesamte Apparat polemischer Begriffe - Legalität und Legitimität, Norm und Befehl, Macht und Recht, Entscheidung und Diskussion - gründe auf dieser Benennung des einen Feinds. Habe man ihn einmal bei seinem Namen angerufen, ist, so die These von Raphael Gross, die ganze Schmitt'sche Begrifflichkeit mit einem Schlag entzaubert. Und schlimmer noch: Mit dieser Eigentlichkeit fällt die schwere Decke des Leseverbots über das Werk. Ist "der Jude" nämlich als Grund der Theorie ausgemacht und seine Vernichtung in den Begriffen lediglich entfaltet, wird Lektüre zur Wiederholungstat. Schmitts Werk ist für Gross ein leichthändig aufzulösender Rebus, der mit seinem Aussprechen gebannt ist. Wer hinter Schmitts "nachgerade infantilem Ressentiment" Bedeutung suche, mache sich der Komplizenschaft schuldig.

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