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Rezension: Sachbuch : Ein Dreigroschendasein

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Es ist keine Lust, im zwanzigsten Jahrhundert zu leben: Der Zeichner Bil Spira erzählt wahre Legenden

          3 Min.

          Bil Spira (alias bil, alias Willy Freier, alias tifty) hat sie gut gekannt: das junge Dichtergenie Jura Soyfer, den großen Humoristen Friedrich Torberg, Joseph Roth und die vielen anderen "verbrannten Schriftsteller", die Maler, Schauspieler, Kabarettisten, Komponisten, die heute kaum einer mehr kennt, weil sie vertrieben, deportiert, in den Lagern ermordet wurden. Wenige Wochen vor seinem Tod im Pariser Exil schrieb Joseph Roth seine "Legende vom heiligen Trinker", eine Erzählung von einem lebensuntüchtigen und glücklosen Menschen, der als Clochard unter den Seine-Brücken haust, als ihm Fortuna in Gestalt eines mildtätigen Herrn begegnet. Doch der Segen zerrinnt ihm zwischen den Fingern, und er stirbt den banalen Tod eines halluzinierenden Säufers. Mit der "Legende vom Zeichner" paraphrasiert Bil Spira nicht von ungefähr Joseph Roths Titel.

          Vor dem jungen Künstler, der mit sechzehn Jahren seine erste humoristische Zeichnung veröffentlichte, dann parallel zu seiner akademischen Ausbildung sich als ständiger freier Mitarbeiter einer sozialistischen Zeitung verdingen konnte und sich außerdem als begabter Trickfilmzeichner erwies, schien trotz den nicht eben einfachen Lebensumständen im Wien der Nachkriegszeit eine rosige Zukunft zu liegen. Ob während seines Studiums an der Wiener Kunstgewerbeschule, nach seiner Flucht aus dem an NS-Deutschland angeschlossenen Österreich in das Paris voller mittelloser Emigranten, in den französischen Internierungslagern nach dem Einmarsch der Deutschen oder im Untergrund in Südfrankreich - immer wieder gelang es dem findigen Zeichner, seine Begabung gewinnbringend einzusetzen. In Marseille, wo er mit seiner großen Liebe zeitweise ein "Dreigroschenleben" führte und (vergeblich) "auf ein Schiff mit acht Segeln" wartete, das sie retten sollte, stellte er seine Fähigkeiten als Paßfälscher im Dienste von Varian Fry und dem American Emergency Rescue Commitee unter Beweis. Er rettete damit vielen verzweifelt auf ein Visum Wartenden das Leben.

          Wie Roths Trinker sich durch eigenes Verschulden in Paris ganz unten befindet, als die Gunst des Schicksals seinem Leben eine vermeintlich positive Wendung gibt, so befand sich bil (so sein Künstlername) durch eigenes Zutun in Paris ganz oben, als ihm das Unglück in Gestalt eines Verräters begegnete und sich sein Leben zum Negativen wendete. Am 8. Mai 1945 wurde er vor den Toren Theresienstadts von russischen Sanitätern halb tot aus einem der Viehwaggons gezogen; mit seinen fünfunddreißig Kilo "Lebendgewicht" landete er fast auf dem großen Leichenberg, der das Ergebnis der letzten Deportation aus Buchenwald war.

          Fiebernd lag er dann im Lazarett und hatte einen Traum: "Ich lag auf dem stinkenden Boden eines Viehwaggons, der durch das Weltall rollt und hatte einen gebrochenen Arm. Das war mir bewußt, denn er verursachte mir starke Schmerzen. Der Zug hielt, und die Schiebetür öffnete sich vor einem Leiterwagen. Sanfte Hände hoben mich hoch, um mich auf den Berg von Leichen zu werfen, die bereits auf dem Leichenwagen lagen . . ." Bil Spira ist es gelungen, die entsetzlichen wie die trivialen Begebenheiten seines Lebens zu schildern, ohne einerseits auf die kitschigen Klischees mancher sogenannter Humoristen zurückzugreifen, ohne andererseits mit pathetischer Geste die Leserschaft zu mahnen.

          Das Leben des selbstzerstörerischen Trinkers in Joseph Roths Legende endet mit dem Trugbild einer Vision; Spiras Leben dagegen beginnt neu mit dem Ende der realen Schreckensvision und nimmt am Tiefpunkt der Spirale eine glückliche Wende. Beiden Erzählern gemeinsam ist die Gabe, mit manchmal sarkastischer Distanz eine tragische Geschichte unprätentiös zu erzählen. Die genaue Beobachtungsgabe ist bei Bil Spira gekoppelt mit dem ungebrochenen sozialistischen Glauben und dem Engagement für eine gerechtere Welt. Die daraus resultierenden ironischen Brechungen, die nur humoristischen Melancholikern so gelingen, lassen die Lektüre zu einem erheiternden und zugleich erschütternden Erlebnis werden.

          Diese Geschichte, die das Leben schrieb, läßt sich auch als Legende lesen - Legende im Sinne eines erläuternden Textes zu den abgebildeten Zeichnungen aus den verschiedenen Lebensphasen. Die in Buchenwald entstandenen Bilder fehlen; ein alles und jeden desinfizierender russischer Befreier. Doch in seinem packenden Lebensbericht zeichnet Spira - als Autor gleichermaßen begabt wie als Zeichner - die ganze, unbereinigte Geschichte nach. ROSAMUNDE VON DER SCHULENBURG

          Bil Spira: "Die Legende vom Zeichner". Wien - Vernet - Groß Rosen - Paris. Hrsg. von Konstantin Kaiser in Zusammenarbeit mit Vladimir Vertlib. Antifaschistische Literatur und Exilliteratur, Studien und Texte, 17. Döcker Verlag, Wien 1997. 251 S., Abb., br., 40,80 DM.

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