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Rezension: Sachbuch : Ein anhaltender Geisteskatarrh

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Unentrinnbarer Mißerfolg: Johann Gottfried Herders "Adrastea"

          4 Min.

          Noch bei seiner letzten Begegnung mit Goethe ließ Herder die Kunst der verletzenden Pointe nicht im Stich: "Am Ende ist mir aber doch dein natürlicher Sohn lieber als deine Natürliche Tochter." Goethe ist fassungslos: "Ich sah ihn an, erwiderte nichts, und die vielen Jahre unseres Zusammenseins erschreckten mich in diesem Symbol auf das fürchterlichste." Was Goethe "mißwollenden Widerspruchsgeist" nannte, hat Rudolf Haym in seiner glänzenden Biographie für den Charakter und gleich auch das Werk des späten Herder festgeschrieben. Der alternde Herder: ein Frondeur mit "versäuertem Gemüt", der im "Schmollwinkel" hinter der Kirche die "Unzufriedenen von Weimar" versammelt. Seine letzten Schriften, die Attacken gegen Kant, dann die Zeitschrift "Adrastea" (1801 bis 1803/4) - Produkte "pathologischer Zustände". Das erledigte die Sache. Auf solche Befunde hatten sich schon die tonangebenden Weimarer verständigt. Schiller zum ersten Stück der "Adrastea": "Herder verfällt wirklich zusehends, und man möchte sich zuweilen im Ernst fragen, ob einer, der sich jetzt so unendlich trivial, schwach und hohl zeigt, wirklich jemals außerordentlich gewesen sein kann." Und Goethe: "Ich möchte nicht in der Haut des Verfassers stecken."

          Die vorzüglich kommentierte neue Edition der "Adrastea" im Deutschen Klassiker Verlags holt ein vielgescholtenes, ja verpöntes Werk aus tiefer Versenkung und lädt dazu ein, die alten Machtsprüche vor dem Hintergrund einer auf beiden Seiten rumorenden Parteilichkeit zu überprüfen - und zu revidieren.

          Wer nach dem bösen Blick Herders sucht, wird oft genug fündig. Die Philosophie Kants und Fichtes: "transzendentale Nachtwanderei" und "imperatorisches Geschwätz von sittlicher Vernunft". Friedrich Schlegel und seine Genossen: "unwissend- und frechtaumelnder Gräzismus" und "kritische Himmelsstürmerei". Die letzten Jahre des vergangenen Jahrhunderts: "Geisteskatarrh, Schnupfen, Lähmung, ein Wahn, eine eigentümliche Tollheit". Die Französische Revolution, einst eine Hoffnung, jetzt: eine "falsche Helena", "gepflanzter Giftbaum", Gegenstand des "stummen Entsetzens". Auch gezieltes Verschweigen kann zur Waffe werden. Schiller oder Goethe kommen in Herders gattungsgeschichtlichen Panoramen nicht vor. Doch darf man die Rede von den "tragischen Kupplern", die Mitleid für "Huren und Buben" anbieten, sehr wohl auch auf die "Maria Stuart" beziehen.

          Wohl meldet sich immer wieder die Galle, doch Jammern ist Herders Sache nicht. Die "Adrastea" versteht sich als Jahrhundertwende-Projekt, das die Fahne der Hoffnung, der Humanität, der Aufklärung inmitten einer kranken Gegenwart hochhält. "Aurora" sollte Herders Zeitschrift und damit die mutstiftende Revue des vergangenen Jahrhunderts ursprünglich heißen. Strenger und richterlicher gibt sich dann der Name "Adrastea", die Unentrinnbare, der tief in Herders Werk verankert ist. Er ruft, wenn auch gehörig gemildert, die alte Rachegöttin Nemesis auf, der Herder schon 1786 eine Abhandlung gewidmet hatte. Nemesis-Adrastea, von Naturgesetzlichkeit und Vernunft garantiert, gilt Herder als die Ordnerin der Welt, bedeutet Maß und Billigkeit und Ausgleich nach der Devise "Nichts zu viel". Equilibristin der Weltordnung, ist Adrastea zugleich die Agentin fortschreitender Humanität. Mag ihr Status prekär sein, den eigentlichen Rückhalt hat die "messende Göttin" im "Menschengefühl" für die "Regel des Rechts und Unrechts", im Gewissen. Linie, Maß und Waage sind ihre Embleme. "Stillnachdenkend" geht sie "ihren stillen Gang".

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