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Rezension: Sachbuch : Ein alter Daimler fährt auch mit Rumverschnitt

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Aber Vincent Klinks Nudelbuchstaben bringen die schwäbische Küche nicht auf Touren / Von Gerhard Stadelmaier

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          Wir erinnern uns gerne an die schönste und erotischste Szene aus dem Film "Harry und Sally": Zwei Männer und zwei Frauen sitzen an einem Tisch in einem Restaurant. Die eine Frau will den einen Mann, mit dem sie befreundet ist, mit der anderen Frau verkuppeln, mit der sie auch befreundet ist. Diese aber neigt völlig hingerissen dem anderen Mann zu, weil dieser in einer seiner Theaterkritiken die ziemlich umwerfende Pointe gemacht hat: "Was in den sechziger Jahren noch das Theater war, das sind in den Achtzigern die Restaurants." - "Gott, das waren Sie, der das geschrieben hat? Oh, ich liebe es." Danach geht's dann rasend rasch erst ins Taxi und dann ins Bett. Licht aus. Schnitt. Nicht auszudenken, was womöglich gleich am Tisch zwischen den beiden passiert wäre, hätte die Pointe so gelautet: "Was in den achtziger Jahren noch die Restaurants waren, sind in den Neunzigern die Köche."

          So wie das Schaugewerbe immer weniger kulinarisch wurde und sozusagen in zyklischer Gerechtigkeit hinter die Kulinarik des Schaumlöffelgewerbes zurücktrat, so tritt nun umgekehrt das Produkt des Schaumlöffelgewerbes, das auf Tellern Geschöpfte, vollkommen hinter die Schöpfer zurück. Es ist die subtile Rache des Theaters an der Kulinarik: Denn die Köche stehlen dem Gekochten schon lange die Show. So sehr zum Beispiel, daß der showigste aller Köche im letzten seiner Weihnachtsmenüvorschläge in der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", von der mitkochenden Akademikerwelt alleweil bang erwartet, einen armseligen Flattermann landen ließ. Er servierte erst kalt lächelnd Brathuhn (!) mit Kartoffeln (!!) und dann noch kälter lächelnd eine absolut ungenießbare, alle Geschmacksnerven in Säure auflösende schlotterichte Zitronencreme als Dessert. End-Küchenspiel der Bonner Republik, Menü-Menetekel der Akademikerarbeitslosigkeit. Historiker werden diesen Menüvorschlag einmal als Anfang vom Ende des wohllebigen zwanzigsten Jahrhunderts erkennen dürfen.

          Andere Köche kamen mit Kokain statt mit Kochen groß heraus, wieder andere mit dubiosen Geld- statt mit seriösen Gastrogeschäften. Den Gipfel schließlich erklomm jener, der zum Essen Artisten und Plüsch-Enten und Zauberer und Clowns mit auftischt. Das Restaurant fällt bei ihm zurück hinter den Standard des Theaters und mitten hinein in den Zirkus, der dann auch folglich an mehreren Stätten gastiert und den festen, wiedererkennbaren Eß-Ort als eine Heimstätte des Genusses beliebig vervielfältigt und verflüssigt. Kaum ein Koch noch, der ohne eigene Fernsehsendung auskäme. Und natürlich schreiben sie alle Bücher. Der Koch dient nicht mehr der möglichst schönen, guten, wahren Nahrungszubereitung in einem der ältesten Gewerbe der Welt. Der Koch ist heute sich selbst ein Kunstprodukt.

          Der Koch Vincent Klink zum Beispiel, Herausgeber von "Cotta's kulinarischem Almanach", ist der Star der Fernsehsendung "Koch Kunst". Und wie wir den schönen blaustichigen Abbildungen im besprochenen Band entnehmen, ist er auch Flötist, Percussionist, Kolumnist für Tageszeitungen, zudem Fahrer einer Vespa, auf deren Rücksitz er Kräuter und Salate wehenden, wenn auch schütteren Haupthaares aus dem eigenen Garten herbeitöfftöfft. Nebenbei betreibt er auch noch das Restaurant "Wielandshöhe" in Stuttgart. Er ist zwar 1949 im hessischen Gießen geboren. Doch der Klappentext seines Buchs "Schwäbische MundArt" behauptet, Klink sei 1950 in Schwäbisch Gmünd zur Welt gekommen. Kein Mensch, der 1950 in Schwäbisch Gmünd geboren wurde, würde sich freiwillig als 1949er Gießener deklarieren. Umgekehrt aber wohl schon. Die Mimikry mit der Landsmannschaftlichkeit schlägt durch aufs Rezeptuale, also Eingemachte: "Aal in Spinat" und "Couscous mit Huhn" sind bekanntlich typisch Gießener Spezialitäten, die sich nur die "Ha no!"-Schwabenmaske überziehen. Aber es ist nicht alles "Ha", was "no" ist. Oder anders: Wie dr Koch, so d'Küch'.

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