https://www.faz.net/-gqz-6pjro

Rezension: Sachbuch : Ein Akt in Kleidern

  • Aktualisiert am

Die britischen Republikaner wollen der Monarchie wieder an die Wäsche: Antony Taylor kann ihnen aber wenig Mut machen

          Vermutlich hat Margaret Thatcher der Queen am Ende sogar genützt: Solange die Briten die neoliberale eiserne Lady hatten, rückte Elisabeth II. ihnen nah: "Brenda" ist altmodisch und macht ziemlich viele Umstände, aber immerhin war sie nicht permanent beim amerikanischen Präsidenten zu Gast. Die Bücher, die in der Thatcher-Ära über die britische Monarchie geschrieben wurden, zeigen das Königtum meist als eine Institution von großer integrativer Kraft: Im Schatten der Krone, so der Tenor, habe sich ein britisches Gemeinschafts- und Nationalgefühl entwickelt, unbeschadet der Streitereien, die sonst zwischen den Engländern und den Iren, Schotten und Walisern vor sich gehen - und ungeachtet der Thatcher-Ideologie, der zufolge "so etwas wie Gesellschaft" gar nicht existiert.

          So war das noch Mitte der neunziger Jahre. Wenn der Anti-Monarchismus heutzutage lauter auftrumpft, dann liegt das vermutlich nicht nur an den mißglückten Ehen der Royals, dem Tod von Princess Diana und etlichen Niederlagen auf dem Gebiet der königlichen Imagepflege. Hinzu kommt der Umstand, daß die Wahl Tony Blairs zum Premierminister allerlei Hoffnungen auf Reformen geweckt hat. Die Abschaffung der Monarchie ist nur eine der vielen Maßnahmen zur Modernisierung, die auf den Britischen Inseln angeleiert werden.

          Antony Taylors Buch "Down with the Crown" kam daher genau zur rechten Zeit. Der Historiker an der Sheffield Hallam University betrachtet die Monarchie weniger als gemeinnützige Veranstaltung denn als öffentliches Ärgernis: Zweihundert Jahre Protest gegen die Krone hat Taylor dokumentiert. Es nimmt nicht wunder, daß er selbst die Abschaffung der Institution nicht sonderlich bedauern würde. Darin unterscheidet er sich vom Premierminister. Tony Blair, der ja sonst Britanniens Modernisierung vorantreibt, gibt sich im Hinblick auf die Queen als altmodischer Gefolgsmann. Mit seinem Bekenntnis zur Queen will er sich die Gunst der vielbeschworenen gesellschaftlichen "Mitte" erhalten. Der schottische Politologe Tom Nairn hat seine Regierung deshalb "die Restauration" nach der Thatcher-Revolution genannt.

          Außerdem hat das royale System für den Premierminister einen durchaus angenehmen Nebeneffekt: Die britische Monarchie ist so verfaßt, daß etliche Rechte der "königlichen Prärogative" nur noch formal bei der Krone liegen, die wahren Entscheidungsbefugnisse hat längst die jeweilige Regierung inne. So kann sie etwa die "honours list" verdienter Zeitgenossen nach ihrem Gutdünken festlegen. Sie verteilt Posten und Ämter in der Anglikanischen Kirche und im Justizwesen. Sie darf auch einen Krieg beginnen, ohne das Parlament zu konsultieren. Ob beim Falkland-Krieg oder beim Kosovo-Krieg, ob unter Thatcher oder unter Blair, es ist stets dasselbe: Erst kommen die Truppen und dann die Debatten. Großbritannien ist eine Demokratie, aber in den lebenswichtigen Entscheidungen des Landes, in Fragen von Krieg und Frieden, hat das Parlament nicht mehr Macht als ein Ratgeber: Es darf nicht bestimmen, sondern nur nachträglich loben oder tadeln, was die Regierung angefangen hat.

          Das Vereinigte Königreich besitzt zwar keine geschriebene Verfassung, dafür aber jede Menge verfassungsrechtliche Mißstände. Zu den jüngsten Beispielen zählt die Reform des Oberhauses: Im Zuge dieser "Modernisierung" wurden etliche Grantler, Krauterer und Exzentriker aus der Hocharistokratie durch Vertreter der Parlamentsparteien ersetzt; diese wurden nicht gewählt, sondern ernannt. Und die Faustregel, daß die zweite Kammer kein Duplikat der ersten Kammer sein sollte, hat man ignoriert. Bisher hat das neubesetzte Oberhaus sich gut gegenüber der Regierung behauptet. Das ändert indes nichts an seiner undemokratischen Beschickung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

          Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.
          Verkehrsminister Andreas Scheuer

          Maut-Debakel : Neue Vorwürfe gegen Scheuer

          Die Pkw-Maut kommt nicht - jetzt werden die Verträge aufgearbeitet. Hat Verkehrsminister Scheuer getrickst, damit die Mauterhebung billiger aussieht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.