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Rezension: Sachbuch : Eierkuchen nach Stoppuhr

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Wie die Deutschen sich zwischen den Weltkriegen einrichteten - Auftakt einer Geschichte des Wohnens

          "Jedes Glück hat einen kleinen Stich", untertreibt Kurt Tucholsky in jenem Gedicht, dessen büchmannreife Stelle den idealen Wohnort des zeitgenössischen Menschen beschreibt: zwischen Ostsee vorne und Friedrichstraße hinten. Tucholsky kannte eben noch nicht die Friedrichstraße in ihrem heutigen Zustand. Das Wohnglück der Deutschen zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg hatte nicht nur einen kleinen Stich. Es war geprägt von großen Erwartungen und ebensolchen Enttäuschungen. Die Weimarer Verfassung hatte die Wohnung für jedermann zum Staatsziel erklärt. Doch ungeachtet der Produktion von jährlich bis zu 320000 Wohnungen in der Weimarer Republik blieb Wohnungsnot ein jederzeit aktuelles Thema. Immer kosteten die Wohnungen mehr, als diejenigen, die sie am meisten benötigten, zahlen konnten. Auch das Dritte Reich versprach allen Volksgenossen eine gesunde Wohnung. Aber es sorgte dafür, daß sie am Ende fast keiner mehr hatte: Dreizehn Millionen Menschen waren am Kriegsende in Deutschland obdachlos.

          Eine ausführliche, historische Darstellung des Wohnens hat es bisher nicht gegeben. Die von der Wüstenrot-Stiftung gesponserte, auf fünf Bände angelegte Enzyklopädie bewegt sich also auf Neuland. Einen kleinen Etikettenschwindel leistet sich das Unternehmen freilich gleich zu Anfang. Zumindest der vierte Band, dem Wohnen zwischen den Weltkriegen gewidmet und als erster erschienen, liefert keine Geschichte des Wohnens schlechthin, sondern eine Geschichte des Wohnens in Deutschland, mit Seitenblicken über die Grenzen. So hat auch dieses Glück einen kleinen Stich.

          Neuzeitliches Wohnen ist, alles in allem, eine Geschichte der Entsagungen. Behaust werden mußte eine ständig wachsende Zahl von Menschen. Eine Baupolitik, die - wie in der Weimarer Republik - sich mit dem Problem der großen Zahl auseinandersetzte, hatte sich auf Verzichte einzulassen. Geopfert wurden die unwirtschaftliche Raumkubatur, die komplizierte Organisation des Hauses, das von der Geschichte überlieferte Repertoire an Formen und Erfahrungen, das jahrhundertealte Sachwissen, der Handwerkerstolz. "Wiederholen wir uns unablässig", mahnte Adolf Loos seine Zeitgenossen genau in dem Jahr, als der Erste Weltkrieg ausbrach.

          Die Avantgarde hat aus der Notwendigkeit des Opfers die Tugend der Entsagung gewinnen wollen. Aus den Zwängen hat sie eine Ästhetik zu machen versucht. Die schlanke, kühle, technikbewußte Form war nicht nur Ergebnis, sondern auch Symbol veränderter Produktionsbedingungen und Marktbedürfnisse. Die Absage an Eigensinn und Individualismus galt als unvermeidbares Zugeständnis an die Massengesellschaft, die erzwungene Askese als Chance zur Selbstbefreiung. Abweichungen von der Norm waren Störfaktoren in der Organisation des modernen Lebens.

          In puncto Selbstgerechtigkeit unterschieden sich die Eliten der Nachkriegsjahre nicht von denen der Vorkriegszeit. Sie wußten stets, was den anderen frommte. Der Herausgeber des vorliegenden Bandes, Gert Kähler, verweist auf das erstaunliche Faktum, daß die eingreifenden Änderungen im Wohnungsbau der zwanziger Jahre ohne Erhebungen und Umfragen zu den tatsächlichen Wohnbedürfnissen der Leute auskamen. Die Planer ließen sich ihre Präferenzen durch die möglicherweise anderslautenden Vorstellungen der Verplanten nicht stören. In der Frage Wohnküche oder gute Stube, bei der Alternative Hoch- oder Flachbau, bei der Wahl zwischen der kleinen, aber hochtechnisierten oder der größeren, aber einfach ausgestatteten Wohnung wären die Betroffenen möglicherweise zu anderen Urteilen gekommen.

          Der neue Band ist das Produkt von acht Autoren, die sich das umfangreiche Thema je nach eigener Zuständigkeit geteilt haben. Angesichts der Stoffmenge leuchtet der Pluralismus der Darstellung zunächst ein. Aber bei der Lektüre des siebenhundert Seiten starken (durch kein Sachregister erschlossenen) Opus erweist sich doch der vermeintliche Vorzug als Nachteil. Es kommt zu oftmals verdrießlichen Überschneidungen. Lesezeit ist, wie Lebenszeit, begrenzte Zeit. Warum muß man dem Leser Gleiches und Ähnliches dreimal sagen?

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