https://www.faz.net/-gqz-6q9cr

Rezension: Sachbuch : Durch die Eisenhütte des Herrn

  • Aktualisiert am

In den Glaubenskämpfen der Weimarer Republik schmiedete Hans Ehrenberg die Waffe eines revolutionären Christentums

          4 Min.

          Im Alter von sechsundzwanzig Jahren läßt sich der aus einer alten jüdischen Gelehrtenfamilie stammende Ökonom und Philosoph Hans Ehrenberg 1909 in der Charlottenburger Trinitatiskirche taufen. Die Konversion ist Folge einer langjährigen Beschäftigung mit dem Johannesevangelium, dessen Prolog der junge Bildungsbürger als höchsten Ausdruck christlicher Wahrheit deutet. Nur der Gehorsam gegenüber dem gekreuzigten Gottessohn und die Bindung an die Kirche könnten im relativistischen Chaos der Gegenwart noch Halt bieten. Ehrenbergs mystische Christusfrömmigkeit entfremdet ihn von seinem geliebten Cousin Franz Rosenzweig, der die modernitätsspezifische Entwurzelung des Intellektuellen durch Rückkehr zum wahren Judentum überwinden will. An ihren Auseinandersetzungen beteiligt sich auch ihr genialer Freund Eugen Rosenstock-Huessy, der als Christ jüdischer Herkunft zwischen den streitenden Vettern zu vermitteln sucht. Mit einer im Deutschland des frühen zwanzigsten Jahrhunderts seltenen Ernsthaftigkeit erörtern die Freunde die Gegensätze zwischen Synagoge und Kirche.

          Ehrenbergs komplizierte Freundschaftsbeziehungen zu Rosenzweig, Rosenstock und auch Karl Barth bilden den Fokus der materialreichen Biographie, deren ersten Band Günter Brakelmann nach langjährigen Studien vorlegt. Konsequent rückt der Bochumer Sozialethiker die Frage nach der religiösen Identität des "Judenchristen" ins Zentrum. Zunächst schildert er die Sozialisation des 1883 geborenen Ehrenberg im Hamburger reformjüdischen Bürgertum. Die Eltern vermitteln dem Sohn kantisches Pflichtethos und neuhumanistischen Bildungsglauben. Im Hause des wohlhabenden Bankiers Ehrenberg ist die orthodoxe Gesetzestreue der Väter durch ein nationalliberales Bekenntnis zur deutschen Kulturnation abgelöst. Nur selten besucht man die Synagoge. Der ernste Schüler nimmt am evangelischen Religionsunterricht teil. Das universalistische Brüderlichkeitsethos der Bergpredigt fasziniert ihn.

          Nach dem obligatorischen Studium der Rechts- und Staatswissenschaften, das er 1902 mit einer Dissertation über "Eisenhüttentechnik und der deutsche Hüttenarbeiter" abschließt, wirbt er für Naumanns Nationalsozialen Verein. Der Militärdienstzeit folgt ein Studium der Philosophie und Psychologie in Heidelberg. Wilhelm Windelband, der ihn 1909 mit einer Kant-Studie zum Doktor der Philosophie promoviert, ermutigt ihn zu einer erkenntnistheoretischen Kritik der naiven Dogmatismen in der zeitgenössischen Psychologie. Die Suche nach unbedingter Gewißheit führt Ehrenberg bald wieder aus der akademischen Philosophie heraus. Als Artillerieoffizier beteiligt er sich an der Sinndeutung des Krieges, den er als Chance sittlicher Wiedergeburt und Durchbruch zu echter Volksgemeinschaft feiert. "Der deutsche Jude, Teil des kämpfenden Deutschlands, gehört voll und ganz zum Deutschtum."

          Noch vor der Novemberrevolution tritt der bürgerliche Linksliberale in die SPD ein, die er nun als wichtigsten Träger "neuer wirklicher Volksgemeinschaft" sieht. Als sozialdemokratischer Heidelberger Stadtrat wirft er bürgerlichen Demokraten wie Max Weber in öffentlichen Redeschlachten Halbheit im Kampf für eine "soziale Demokratie" vor. Der Antisemitismus vieler Ordinarien und die Geringschätzung, mit der man in der Universität einem "Genossen" begegnet, verstärken Ehrenbergs innere Distanz zum akademischen Milieu. Er schließt sich 1919 dem religiös-sozialistischen Badischen Volkskirchenbund an und will die bürgerliche "Bildungskirche" in eine "bekennende Volkskirche" umformen, die die prophetische Vorhut eines sittlichen "Volkssozialismus" bilden soll.

          Der von der Rechtspresse deshalb als "revolutionärer Messias" verhöhnte Philosoph entschließt sich im Alter von siebenunddreißig Jahren zu einem ungewöhnlichen Schritt. Er absolviert in Münster ein Kurzstudium der evangelischen Theologie, meldet sich 1923 zum ersten theologischen Examen und geht im Jahr darauf als Pfarrer in eine Arbeitergemeinde beim Bochumer Hauptbahnhof. Obwohl er weiter grundlegende Arbeiten zum orthodoxen Christentum und zur Lage der Christen in der Sowjetunion veröffentlicht, konzentriert er sich erfolgreich auf die Gemeindearbeit. Im Weltanschauungskampf gegen die Kommunisten unterstützt er die Gründung einer christlichen "Bruderschaft" tatkräftiger Arbeiter, die ihre Treue zum Gekreuzigten in allen Lebensbereichen bewähren sollen. Seine Polemik gegen den Antisemitismus trägt ihm massive Angriffe der Nationalsozialisten ein, die seit 1928 mehrfach fordern, den "getauften Rassejuden" von der Kanzel zu entfernen.

          In der Spätphase der Weimarer Republik entfaltet Ehrenberg eine breite publizistische Tätigkeit, um die völkische Verfremdung der "übernationalen Ewigkeitsreligion" Christi zu kritisieren. "Der Antisemitismus ist die furchtbarste Krankheit unserer Zeit und unseres Volkes. Er erregt eine Welt des Hasses und der blinden Leidenschaft und muß aller Christen Entsetzen sein." Obwohl Ehrenberg von seiner Gemeinde unterstützt wird und in Bochum sehr großes Ansehen genießt, geht das westfälische Konsistorium schon vor 1933 auf Distanz zu dem umstrittenen Pfarrer.

          Brakelmann erzählt die spannende Lebensgeschichte des deutschen "Christen aus Israel" quellennah, mit ausführlichen Zitaten aus zahlreichen unveröffentlichten Briefen und Manuskripten. Mit großer Präzision beschreibt er die Erfahrungszusammenhänge, die die schillernde Gestalt Ehrenberg geprägt haben. Trotz mancher hagiographischer Stilisierung macht er die Widersprüche dieses linken Nationalisten deutlich, der in seinem religiösen Gemeinschaftspathos vielen Volkstumstheologen der politischen Rechten vergleichbar ist. Die ausführliche Bibliographie läßt erkennen, daß Ehrenberg auch als Bochumer Arbeiterpfarrer noch über Goethe, Dostojewski und den Gesang der Engel geschrieben hat. Trotz aller gesuchten "Volklichkeit" blieb er noch in der Kritik der kulturprotestantischen "Bildungskirche" ein deutscher Bildungsbürger. Selbst die Haft im Konzentrationslager Oranienburg und die Emigration nach Großbritannien suchte der fromme Philosoph durch Beschwörung protestantischen Bildungswissens zu verarbeiten. Diese Passionsgeschichte will Brakelmann bald in einem zweiten Band über die Jahre 1933 bis 1939 erzählen. FRIEDRICH WILHELM GRAF

          Günter Brakelmann: "Hans Ehrenberg". Ein judenchristliches Schicksal in Deutschland. Band 1. Leben, Denken und Wirken 1883-1932. Spenner Verlag, Waltrop 1997. 364 S., br., 38,- DM.

          Weitere Themen

          Wie wird man der Infodemie Herr?

          Ausstellung „Fake for Real“ : Wie wird man der Infodemie Herr?

          Von der Antike bis zur Gegenwart: Das Haus der Europäischen Geschichte blickt auf Falschnachrichten und das postfaktische Zeitalter. Es wird deutlich: „Fake News“ sind keineswegs ein neues Phänomen.

          Ein alter neuer Deal

          Kunstförderung in New York : Ein alter neuer Deal

          Fast zwei Drittel aller Jobs in der Kulturszene New Yorks wurden während der Pandemie vernichtet. Bürgermeister De Blasio versucht nun mithilfe einer Idee von Franklin D. Roosevelt dieser Entwicklung einen Riegel vor zu schieben.

          Topmeldungen

          Rettungskräfte in der südisraelischen Stadt Sderot versorgen eine Frau nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen am 12. Mai

          Angriffe in Israel und Gaza : Wenn man die Angst hören kann

          Die Heftigkeit der Angriffe der Hamas und des israelischen Militärs, aber auch der Gewalt in Israel selbst haben viele überrascht. Und alle fragen sich: Wird diese „Runde“ bald vorüber sein und wird sich etwas ändern?
          Winfried Kretschmann bei der Vereidigung zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg am 12. Mai im Stuttgarter Landtag

          Grün-schwarzes Bündnis : Stresstest in Stuttgart

          Winfried Kretschmanns zweite Koalition mit der CDU soll kooperativer werden als die erste. Das wird schwierig, denn es gibt einen eingebauten Großkonflikt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.