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Rezension: Sachbuch : Durch dick und dünn mit Bertha

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Das Erstaunlichste an Krupp ist wohl, daß es überlebt hat. Das Unternehmen überstand eine existentielle Finanzkrise in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts und den Umbruch 1918/19, als es in kürzester Zeit von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft übergehen mußte. Es überlebte eine schwere Finanzkrise 1924/25 sowie den katastrophalen Einbruch der Weltwirtschaftskrise.

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          Das Erstaunlichste an Krupp ist wohl, daß es überlebt hat. Das Unternehmen überstand eine existentielle Finanzkrise in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts und den Umbruch 1918/19, als es in kürzester Zeit von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft übergehen mußte. Es überlebte eine schwere Finanzkrise 1924/25 sowie den katastrophalen Einbruch der Weltwirtschaftskrise. Damals schrumpfte die Zahl der Beschäftigten auf weniger als die Hälfte, 1932 etwa auf den Stand von 1897. Von Adolf Hitler seit den dreißiger Jahren zur Rüstungsschmiede von nie gekannten Ausmaßen gemacht und ideologisch in besonderem Maße vereinnahmt ("hart wie Kruppstahl"), überstand Krupp das Kriegsende 1945 und die Schleifung. 1967/68 wurde es, wiederum in einer Krise, in eine Stiftung umgewandelt.

          Die Fried. Krupp AG war eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Unternehmen. Über die Ursachen mag man spekulieren. Die Faszination ging wohl weniger davon aus, daß die Essener Gußstahlfabrik lange unzeitgemäß war, ein Fossil. Hier hielt eine Familie gewaltige unternehmerische Macht in Händen und lehnte es ab, sich dem Kredit und damit dem Einfluß der Banken zu öffnen. Und lange stemmte sich diese Familie mit einer patriarchalischen, antigewerkschaftlichen Unternehmenskultur der Modernität des Kapitalismus entgegen. Krupp galt als Erzkapitalist, doch es war bis zur Krise von 1924/25 eigentlich noch "kein kapitalistisches Unternehmen", so Klaus Tenfelde.

          Die Faszination ging wohl eher vom Mythos aus, die "Rüstungsschmiede des Reiches" zu sein, und von dem Eindruck, den "deutsche Wertarbeit", Spitzentechnik - nicht nur - der Geschütze, vermittelte, ebenso wie die schiere Größe des Unternehmens und vieler seiner Erzeugnisse. Faszination übte auch die Nähe aus, die die Unternehmerfamilie - geliebt oder ungeliebt - stets zu den Spitzen von Politik und Militär hatte. Freilich brachte die prominente Stellung Gustav Krupp von Bohlen und Halbach nach der Ruhrbesetzung durch die Franzosen sowie seinen Sohn und Nachfolger (seit 1943) Alfried nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Amerikaner ins Gefängnis.

          Berthold Beitz, seit 1953 Generalbevollmächtigter des Unternehmens und nach dem Tod von Alfried Krupp 1967 Vorsitzender der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, gab die Anregung, die Geschichte Krupps schreiben zu lassen. Im Jahr 2000 legte Lothar Gall eine Geschichte des Unternehmens bis zum Ersten Weltkrieg vor ("Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums"). Daran knüpfte sich in der Fachwelt eine Diskussion an über das Verhältnis von Unternehmensgeschichte und allgemeiner Geschichte. Die Unternehmensgeschichte habe, so die einen, immer auch eine politische Dimension; sie habe aber auch ein fachliches proprium, so die anderen. Sollten künftig Wirtschafts- und Sozialhistoriker beispielsweise über Bismarcks Außenpolitik schreiben? Für den Fortsetzungsband hat Gall nun drei dezidiert unternehmenshistorisch ausgewiesene Historiker gewonnen.

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