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Rezension: Sachbuch : Dunkelkammer Gedächtnis

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Das deutsche Wort "Untat" hat in anderen Sprachen kein Äquivalent. Eine Tat, die man nicht hätte tun dürfen, wird wiederaufgehoben, und das kollektive Bewußtsein arrangiert sich reibungslos mit der linguistischen Negierung: Was man nicht tun durfte, hat man nicht getan.Im Verhältnis der Deutschen zu ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit ist dieser Vorgang oft beobachtet worden.

          Das deutsche Wort "Untat" hat in anderen Sprachen kein Äquivalent. Eine Tat, die man nicht hätte tun dürfen, wird wiederaufgehoben, und das kollektive Bewußtsein arrangiert sich reibungslos mit der linguistischen Negierung: Was man nicht tun durfte, hat man nicht getan.

          Im Verhältnis der Deutschen zu ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit ist dieser Vorgang oft beobachtet worden. Über seine Folgen legt der Germanist Stephan Braese jetzt ein ausgezeichnetes Buch vor und stellt ihm eine andere Erinnerung entgegen - die Werke jüdischer Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Als Opfer der Untaten konnten sie ihre Rücknahme nicht gelten lassen und zogen das Negativ in der Dunkelkammer ihres Gedächtnisses wieder ans Licht. In der Auswahl seines Materials geht Braese sehr sorgfältig vor. Drei Autoren - Grete Weil, Edgar Hilsenrath und Wolfgang Hildesheimer - stellt er in den Mittelpunkt seiner Studie und blendet ihre Werke an historischen Schnittstellen nachkriegsdeutscher Identitätsfindung in den bundesrepublikanischen Literaturbetrieb ein. Damit leistet er, was in der prekären Rede von Deutschen und Juden sonst fast nie geschieht: Braese faltet eine Beziehung auf, die er nicht nur behauptet, sondern auch Schritt für Schritt nachweist; indem er ihre Lücken füllt, läßt er hinter der Rhetorik der Verdrängung eine andere Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur hervortreten.

          Es ist eine problematische Geschichte. Die ersten Kapitel stellen das Selbstverständnis westdeutscher Schriftsteller dar, das sich nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches zu konstituieren begann und das die Emigranten von Anfang an auszugrenzen suchte. Schuldgefühle der Daheimgebliebenen wurden auf Ausgewanderte wie Thomas Mann projiziert, die vor der Not der Hitlerjahre ausgewichen seien und daher in der Wirklichkeit des Nachkriegs kein Mitspracherecht mehr hätten: ein Mechanismus der Selbstentlastung, der es zugleich ermöglichte, das eigene Erleben aus der Opferperspektive zu gestalten.

          Grete Weil (1906 bis 1999) hat lange in Deutschland gelebt, bevor sie ihrem Mann 1936 ins holländische Exil folgte. Er wird 1941 nach Mauthausen verschleppt und umgebracht, sie überlebt im Amsterdamer Untergrund und wird dort Zeugin der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Schon 1947 kehrt sie nach Deutschland zurück, aber "Tramhalte Beethovenstraat", ihr Roman über diese Zeit, erscheint erst 1963. In ihm sucht sie ihre Erfahrungen zu vermitteln, doch Braeses Analyse seiner Entstehungsbedingungen macht deutlich, warum es im westdeutschen Literaturbetrieb dafür kein Publikum gab. Weil wendet sich nicht als Jüdin an die Leser, sondern sie läßt den deutschen Schriftsteller Andreas miterleben, was in Amsterdam geschieht. Nach der Heimkehr findet er kein Gehör: Mit seinem Scheitern im Nachkriegsdeutschland bildet Grete Weil die Kontinuität der Verdrängung ab.

          Minutiös belegt Stephan Braese ihre Mechanismen am Beispiel von "Nacht", Edgar Hilsenraths erstem Roman. Hilsenrath, 1926 in Leipzig geboren, kam 1941 in ein rumänisches Ghetto und hat die in "Nacht" dargestellten Schrecken am eigenen Leib erfahren. Die Jahre 1945 bis 1947 verbrachte er in Palästina und wanderte nach New York aus, wo er die Romane schrieb, die ihn später berühmt gemacht haben. Erst 1975 kehrte er nach Berlin zurück. Abgeschlossen hatte er "Nacht", seine kompromißlose Darstellung des Vernichtungsghettos, bereits 1954, und auf Empfehlung aus dem Ausland nahm der Kindler-Verlag einige Jahre später das Manuskript zur Veröffentlichung an. Der Text aber zeigt die Gnadenlosigkeit einiger der Opfer ihren eigenen Brüdern gegenüber - sie schlugen den Toten die Goldzähne aus, um selbst zu überleben -, und im Namen dieser Opfer begann der Verlag nun den Rückzug. Bei jüdischen Lektoren bestellte er Gutachten über das Manuskript, die das im Verlag längst gefällte Urteil bestätigen sollten: 791 Exemplare der schon gedruckten Auflage wurden verkauft, der Rest wurde aus dem Handel gezogen.

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