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Rezension: Sachbuch : Dümmliche Muskelprotze

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Chris Stringer und Robin McKie wandern auf den Spuren unserer Vorfahren

          4 Min.

          Glauben Sie es doch endlich: Wir sind alle Afrikaner! Die Hautfarbe ist nur äußere Tünche, das Haar ein Flachs an der Oberfläche; die größten und schlanksten Menschen leben ohnehin nach wie vor in unserer afrikanischen Urheimat, in den Steppen und Savannen Ostafrikas. Die Vorstellung, der Affe habe sich in verschiedenen Regionen der Erde zum Menschen gebildet, ist falsch. Auch die Neandertaler sind nicht unsere Vorfahren gewesen, obwohl die Forschung sie neuerdings nicht mehr als grobschlächtige, dümmliche Muskelprotze ansieht, sondern als weichlippige, zartfühlende Softies, die - in einen Anzug gesteckt - im Trubel der New Yorker Menschenmassen allenfalls durch ihre Gesittung auffallen würden.

          Die Neandertaler waren zwar auch Menschen, aber keine wie wir; sie waren keine Blutsverwandten und keinesfalls unsere Ahnen. Wir stammen vielmehr von einer Gruppe feingliedriger, aufrecht gehender Individuen ab, die etwa vor 200000 Jahren in Ostafrika lebten. Dort entwickelten sich unsere Körpergestalt und die Grundlagen für all unsere Fähigkeiten, die uns schließlich so überlegen machten, daß nichts und niemand unseren Aufstieg mehr bremsen konnte - nicht einmal andere Menschenarten, selbst wenn diese, wie der Neandertaler, kräftiger waren als unsere Vorfahren und wahrscheinlich auch ein größeres Gehirn besaßen.

          Es war der Schwächling, der in Eurasien eindrang und sich durchsetzte. Das war vor etwa 70000 Jahren. Während der ersten Hälfte dieser Zeitspanne kamen die Neandertaler noch mit uns mit, dann war für sie die Zeit - vor etwa 35000 Jahren - zu Ende. Ein Typus, der sich 200000 Jahre lang gehalten und vermehrt hatte, war gescheitert. Das ist, knapp zusammengefaßt, der Inhalt des Buches über die Geschichte der Menschheit. Es enthält keine guten Nachrichten für Rassisten, die die Überlegenheit ihrer Rasse einfach "biologisch" aufgrund des Entwicklungsrückstandes begründen wollen, den die anderen angeblich noch haben.

          Unsere Art ist noch jung; sehr jung sogar, wenn man ihre Geschichte mit der von anderen Arten vergleicht. Die Einsichten der Genetiker und Sprachwissenschaftler deuten darauf hin, daß wir aus Afrika kommen. Fast paßt das Klischee von der "Wiege", denn es können nur recht wenige gewesen sein, die unsere unmittelbaren Ahnen genannt werden müssen.

          Eigentlich wissen wir diese Dinge schon seit geraumer Zeit. Auch das linguistische Argument ist nicht ganz neu. An der Entwicklung der vollen Sprechfähigkeit soll es gelegen haben, daß der schwächere, aber sprachlich weitaus begabtere moderne Mensch, der sich selbst "Homo sapiens" nennt, dem stärkeren Neandertaler überlegen wurde und diesen von der Erde verdrängte, noch ehe die Eiszeit zu Ende gegangen war. Es gibt für die Hypothese sogar noch bessere Argumente, als in diesem Buch vorgetragen werden.

          Chris Stringer ist Anthropologe am Londoner Museum für Naturgeschichte und einer der größten Verfechter der Theorie, daß der Mensch aus Afrika gekommen und der Neandertaler eine ganz andere Art sei. Er gilt als kompetenter Spezialist und - wie die meisten Anthropologen - auch als dickköpfiger Individualist. Robin McKie ist Wissenschaftsredakteur und ein erfahrener Schreiber. Das Buch ist ihr gemeinsames Werk, die Autoren haben sich beim Schreiben kapitelweise abgewechselt. Unweigerlich haben die Autoren sich für das, was sie schreiben und wiederholen, gerechtfertigt. Im "persönlichen Rückblick" von Chris Stringer kommt manches durch, was die etablierten Forscher dem Neuling in den Weg legten. Stringer wehrt sich gegen die Selbstherrlichkeit, mit der die Größen ihres Faches ihren Standpunkt vertreten; am Ende aber bezieht er selbst eine ganz ähnliche Position - vielleicht liegt es an der Natur des Themas.

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