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Rezension: Sachbuch : Duden's neues Regelwerk

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Viel ist erlaubt und viel noch zu lernen: Ein Lektürebericht

          Dreht man den Duden zur deutschen Rechtschreibung (21. Auflage), der von heute an in den Buchhandlungen liegt, in Händen, muß einen Furcht und Zittern befallen: Siebzehnmal, als Adjektiv oder in Zusammensetzungen, ist auf den gelb-roten Außenseiten des 900 Seiten starken Bandes das Wort "neu" zu lesen. Neue Regeln. Neue Schreibungen. Neue Wörter. Völlig neu bearbeitete Auflage. Als Zielgruppe dieses Wörterbuchs kommen vor allem Ungeborene in Frage.

          Doch die Verpackung ist nicht nur Getöse, sondern eine aus der Not entstandene Doppelstrategie: Einerseits wird die Angst der Sprachbenutzer vor allem Neuen geschürt, das auch in der verdünnten Version der mit Mühe durchgesetzten und vor sieben Wochen in Wien unterzeichneten Rechtschreibreform noch zu finden ist. Andererseits wird im selben Zug doktorhaft Linderung in Aussicht gestellt. Tatsächlich ist die schiere Zahl der Veränderungen, von denen die meisten ab August 1998 gültig sein sollen, beträchtlich. Anders als Erstkläßler (künftig Erstklässler), die das Reförmchen in diesen Tagen gleich mitlernen, werden wir uns ein wenig anstrengen müssen, wenn wir in der Orthographie (künftig Orthografie) sattelfest bleiben wollen. Doch wer bereit ist, sich daran zu gewöhnen, daß (künftig dass) er seine Schreibgewohnheiten nach und nach den neuen Regeln anpassen muß, der bekommt beim Duden so viel Rat und Hilfe, wie man von einem Buch erwarten kann.

          Interessant ist bei diesem Wörterbuch, wie oft der Augenschein über lauthals verkündete Prinzipien von gestern obsiegt. Meistens darf man sich wie das Mädchen aus der Zahnpastawerbung von einst fühlen: Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt! Die Überraschung nach dem Aufschlagen des Buchs: Alle Neuerungen - Wörter, Silben, Buchstaben, Trennsymbole - sind in roter Schrift gesetzt. Der Duden will zeigen, daß hier die erste ausgewachsene Rechtschreibreform für das gesamte deutsche Sprachgebiet seit 1901 zu besichtigen ist. Und wenn das Kreißen des Berges auch nur ein Mäuschen hervorgebracht hat, so ist dessen Knochenbau bei näherer Betrachtung doch ziemlich kompliziert. Bei der Vorsilbe miss- führt die Genauigkeit des Dudens dazu, daß dem Leser fast ein Drittel einer Seite (missachten bis missraten) rot entgegenleuchtet. Es ist fraglich, wie lange der Benutzer auf solche Belehrung angewiesen bleibt. Beim ersten Blättern erweist sie sich als sehr praktisch, denn sie erinnert an mögliche Fehlerquellen und mahnt unerschütterlich zur Wachsamkeit.

          Um die einzelnen Regeln hat es erregte Debatten gegeben. Das ist verständlich; die eigene Sprache sitzt dem Menschen näher als Hose oder Hemd. Künftig wird man etwa neben Delphin auch Delfin schreiben dürfen - schlimm ist das nicht, und man sollte darin keine Herabwürdigung der Tiere sehen. Wer den Elefanten nicht ehrt, den Elephanten aber wohl, muß das mit seinem Gewissen ausmachen. Auch das Telefon sah in seiner gegenwärtigen Schreibung einmal nackt, fast proletarisch aus; inzwischen ist es längst sprachlicher Standard, während das Telephon nur noch Nostalgiker wärmt.

          Insgesamt wird man kaum behaupten können, die neuen Regeln verführten stärker zu orthographischen Fehlern als die alten. Schon deshalb nicht, weil die Anzahl der Regeln, und hier vor allem der Ausnahmen von der Regel, deutlich gesenkt wurde. Neu sind im wesentlichen (künftig im Wesentlichen) die Vermeidung von ß zugunsten von ss, eine vereinfachte Silbentrennung (nämlich so, wie wir sprechen, wobei Doppel-k wie in Zuk-ker wegfällt) und die allerdings unübersichtlichen Felder der Groß- und Kleinschreibung sowie der Getrennt- und Zusammenschreibung. Auf achtzehn Sonderseiten hat die Duden-Redaktion die veränderte Schreibung der häufigsten Wörter zusammengetragen; daß dieser Appendix nur in den ersten Wochen nützlich ist und danach rasch altert, versteht sich von selbst.

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