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Rezension: Sachbuch : Drinnen vor der Tür

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Exilkünstler waren auch in der DDR nicht willkommen: Andreas Schätzke folgt ihren Wegen

          4 Min.

          Die nach 1933 aus Deutschland emigrierten Künstler und Architekten wie Josef Albers, Max Beckmann, Max Ernst, Lyonel Feininger, Walter Gropius, Hans Hartung und Ludwig Mies van der Rohe kehrten nach 1945 in der Regel nicht zurück. Otto Freundlich wurde in Majdanek, Felix Nußbaum in Auschwitz ermordet, Heinrich Vogeler starb an Unterernährung in Kasachstan. Hat sie jemand in der Heimat vermißt? Aus den westlichen Besatzungszonen sind keine offiziellen Einladungen bekanntgeworden. Aber auch die Behörden in der Sowjetischen Besatzungszone bemühten sich nur um wenige, ihnen propagandistisch besonders nützlich erscheinende Künstler, wie Max Lingner, den populären Illustrator der kommunistischen Parteipresse in Frankreich, oder den Architekten Kurt Liebknecht, den Neffen von Karl Liebknecht. Diejenigen, die innerlich widerstrebend die Rückkehr planten, taten es mehr aus politischem Pflichtgefühl ("diffuses Schuldgefühl" bei Theo Balden) oder, wie im Fall der nach Palästina geflüchteten Lea Grundig, auf die ihr Mann in Dresden wartete, aus persönlichen Gründen: "Ich habe ein großes Gefühl der Fremdheit und nur Deinetwegen kam ich zurück."

          Andreas Schätzke weist in seiner kenntnisreichen Untersuchung nach, daß sich im Vergleich zur SBZ/DDR nur wenige Künstler für West-Berlin oder die Bundesrepublik entschieden hatten. Die Gründe scheinen auf den ersten Blick naheliegend zu sein, wollten doch die meisten Remigranten der Weimarer Generation als Mitglieder oder Sympathisanten der alten KPD und kommunistisch orientierter Künstlerorganisationen ihre 1933 unterbrochene Arbeit am Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft in der SBZ/DDR fortsetzen. Außerdem empfanden die antinazistischen Künstler aus dem Exil die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 als Befreiung, während in Westdeutschland vom "Zusammenbruch" die Rede war. Dennoch war auch für sie die Rückkehr in den "antifaschistischen" und daher "besseren" Teil Deutschlands eine "Heimkehr in die Fremde", wie es der nach Leipzig zurückgekehrte Germanist Hans Mayer in seinen Memoiren formulierte.

          Sie kamen bis auf wenige Ausnahmen (zum Beispiel der Bildhauer Will Lammert und die Architekten, die in der Sowjetunion Zuflucht gefunden hatten) aus der sogenannten Westemigration, aus demokratischen Ländern mit freier Presse und einer liberalen kulturellen Öffentlichkeit. Diesen Westemigranten, denen eine Neigung zum "Kosmopolitismus" unterstellt wurde, mißtraute die aus dem Exil in Stalins Moskau zurückgekehrte, von der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) inthronisierte "Gruppe Ulbricht" zutiefst. Erstaunlich ist es schon, daß die Westemigranten bereit waren, sich freiwillig in den Machtbereich Stalins zu begeben, trotz aller ihnen in den westlichen Demokratien zugänglichen Informationen über die Stalinisierung der KPD, die Moskauer Schauprozesse und die Vorgänge im sowjetischen Machtbereich nach 1945, die zu neuen Schauprozessen in Osteuropa führten. Auf diese Frage findet Andreas Schätzke keine Antworten. Sie liegen wohl im Niemandsland zwischen Glaube, Pflicht und Hoffnung. Jede Generation hat schließlich ein Recht auf ihre eigene Hoffnung, und jede der von Schätzke erzählten Rückkehrgeschichten war letztlich doch "ein Ausnahmefall".

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