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Rezension: Sachbuch : Die zwei Könige des Kaisers

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"Schon immer", so deutete unlängst in dieser Zeitung ein Kritiker vorweihnachtliches Geschehen, "schon immer haben sich die Mächtigen religiöser Symbole bedient, um ihrer Herrschaft den Anschein von Legitimation zu geben." Was als universalhistorisches Gesetz formuliert wurde, ist aber soeben ausgerechnet ...

          "Schon immer", so deutete unlängst in dieser Zeitung ein Kritiker vorweihnachtliches Geschehen, "schon immer haben sich die Mächtigen religiöser Symbole bedient, um ihrer Herrschaft den Anschein von Legitimation zu geben." Was als universalhistorisches Gesetz formuliert wurde, ist aber soeben ausgerechnet für eine Zeit in Frage gestellt worden, die man als beispielhaft betrachten möchte, was eine religiöse Durchdringung von Leben und Politik angeht: für das Mittelalter nämlich, genauer das Königtum der ottonischen und frühsalischen Zeit. In dieser Epoche sollte, nach herkömmlicher Auffassung, die Gottesbegnadung als Quelle eines Herrschertums geglaubt worden sein, das durch kirchliche Weihe und Krönung vor Laienschaft und Klerus ausgezeichnet war; erst im Investiturstreit an der Wende zum zwölften Jahrhundert sei das "Sakralkönigtum" durch Reformpäpste und romtreue Intellektuelle diskreditiert worden, ohne doch zu verschwinden.

          Diese Lehre vom königlichen Gottesgnadentum hat jetzt Ludger Körntgen in seiner Tübinger Habilitationsschrift zwar nicht als solche bestritten, wohl aber deren propagandistische Instrumentalisierung durch Wort und Bild. Körntgen führt seinen Beweisgang an Werken der Geschichtsschreibung und an Herrscherbildern in liturgischen Handschriften durch. Dabei ist wenig aufregend, was er über die Chronisten der Zeit zu sagen hat. Denn schon andere hatten herausgearbeitet, daß von einer homogenen programmatischen Begründung des ottonisch-salischen Königtums, von einer Hofhistoriographie oder liudolfingischen Hausüberlieferung zur Legitimation der Königswürde, nicht die Rede sein kann. Wenn demgegenüber allen mittelalterlichen Verfassern ein je besonderer, lebensweltlich geprägter Anlaß zum Schreiben attestiert wird, wirkt das für heutige Leser um so glaubhafter, als die Dekonstruktion der großen ottonischen Geschichtserzählung eben auch der postmodernen Zeitstimmung gerecht wird. Gleichwohl führt kein Weg mehr hinter die Einsicht zurück, daß an die Stelle einer Historiographie, "die man vorrangig der Perspektive des Kaisers und der Rühmung seiner Taten verpflichtet glaubte", die Einschätzung "von einem eher vielstimmigen Konzert von Autoren getreten ist, mit denen sich durchaus unterschiedliche Institutionen und Interessengruppen Gehör verschafften" (Gerd Althoff).

          Anders verhält es sich bei der neuen Studie mit den Herrscherbildern in Codices. Sie stellen lebende Könige des "regnum Teutonicum" als Stifter oder Empfänger der jeweiligen Handschrift dar, sei es als Miniatur im Innern, sei es durch Elfenbeinschnitzerei oder Treibarbeit in Gold- und Silberblech auf dem Einband. Durch ihre Texte für den Gottesdienst eingerichtet, sind diese Bücher eine besondere Eigenheit des ottonisch-salischen Königtums. Abgesehen von wenigen Ausnahmen bei den Angelsachsen, sind sie im lateinischen Europa nur im (werdenden) deutschen Reich bezeugt; beim Ende Heinrichs III., also an der Schwelle zur Kirchenreform, bricht ihre Serie auch hier ab. Sobald sich Historiker mit diesen Bildern befaßten, waren sie geneigt, Datum und politischen Anlaß zu ermitteln und ihre Interpretation danach auszurichten.

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