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Rezension: Sachbuch : Die wilden Jahre einer Leidensfahrt

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Tour de France, grobkörnig:

          Der Sport und die Literatur sind zu enge Verwandte, als daß sie eine wirklich fruchtbare Beziehung zueinander eingehen können, hat der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einmal geschrieben. Das, was Sport für den Zuschauer so reizvoll, so spannend mache - Zweikampf, Leidenschaft, Sieg, Niederlage -, sei doch im Stadion unvermittelt und direkt erfahrbar; dafür brauche es keine Romane. Also: Finger weg vom Sportroman, lieber gleich in die Arena.

          Nun gibt es aber einen Schleichweg, einen Kompromiß. Man sieht ganz genau hin, nähert den Sportroman der Reportage an, konzentriert sich allein auf das sportliche Geschehen und blendet alles Nebensächliche aus. Langweilig? Nicht bei der Tour de France. André Reuze beschreibt in seinem Buch "Giganten der Landstraße" 230 Seiten lang, wie eine Ausgabe des wichtigsten Radrennens der Welt am Ende des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts ausgesehen hat. Es ist auch kein Roman, wie im Titel angekündigt wird - dazu fehlt die Tiefe und die Trennschärfe in den Personenzeichnungen. Aber es ist eine 230 Seiten lange Reportage voller schmerzender Muskeln, kohlschwarzer Gesichter, blutiger Stürze und glorioser Etappensiege. Dabei bedient sich die überarbeitete Neuauflage des erstmals zu Beginn der zwanziger Jahre ins Deutsche übertragenen Buches eines unter Literaten verpönten Stilmittels: der Fotografie. Mehr als 50 grobkörnige Schwarzweißaufnahmen zeigen die Tour, wie sie in ihren wilden Jahren wirklich war. Die Fahrer ackern über holpriges Kopfsteinpflaster und tragen einen Ersatzreifen um den Hals wie einen Anschnallgurt. Die Fahrer treffen sich an Erfrischungsständen und lechzen nach Bier und Wein. Die Fahrer kurbeln in schneebedeckte Höhen, wo kein Begleitfahrzeug Pannen behebt. Und doch sind sie am Ende in Paris alle Helden, genau wie heute.

          Vieles scheint sich gar nicht verändert zu haben. Auf der Etappe mit den Pyrenäengipfeln wabert in Reuzes Buch der Nebel wie auf der Etappe des Jahres 1998. Doping war und ist die Geißel des Rennsports: "Fest steht nur, daß Crousse schon immer gern zu Spritzen griff. Er dopt sich", erläutert der allwissende Journalist Ravenelle, der die Tour zusammen mit dem Zeichner Mainguy für seine Zeitung, eine politische, wie er stets betont, begleitet und so die Erzählstruktur des Buches zusammenhält. Der Künstler fragt, der Journalist antwortet. Ravenelle ist der eigentliche Star. Ihn verehren alle wegen seiner unbestechlichen, präzisen Berichterstattung. Die Heldenverehrung der Radrennfahrer überläßt er anderen. Ravenelle schreibt über Sabotage. Über Doping. Über die Werbung, die den eigentlichen Wert des Sports verdirbt und ihn zur Ware verkommen läßt. Bei aller Kritik vergißt Ravenelle nicht die Leistung der geschundenen Fahrer. Die Mühen, einen Monat lang 5400 Kilometer durch Frankreich zu fahren, nur um am Ende in Paris bejubelt zu werden. Für eine Handvoll Franc und ein kleines bißchen Ruhm. Wenigstens das war vor siebzig Jahren anders. fei.

          Besprochenes Buch: André Reuze, Giganten der Landstraße. Ein Tour-de-France-Roman. Berlin, Sportverlag 1998 (Sport-Collection).

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