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Rezension: Sachbuch : Die Welt ist alles, was vieldeutig ist

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Jeder weiß um die literarische Bedeutung von Brief und Briefroman. Ein gebildeter Leser ohne Richardsons "Clarissa", Rousseaus "Nouvelle Heloïse" oder Goethes "Werther" ist sowenig vorstellbar wie ein Kinofreund, dem Laclos' "Liaisons dangereuses" entgangen wären. Gegen so beliebte Gattungsmuster ...

          3 Min.

          Jeder weiß um die literarische Bedeutung von Brief und Briefroman. Ein gebildeter Leser ohne Richardsons "Clarissa", Rousseaus "Nouvelle Heloïse" oder Goethes "Werther" ist sowenig vorstellbar wie ein Kinofreund, dem Laclos' "Liaisons dangereuses" entgangen wären. Gegen so beliebte Gattungsmuster bietet das vorliegende Buch kaum minder bekannte Kunstwerke auf, die aber eher indirekt und bildlich mit dem Brief zu tun haben. Edgar Pankow erfindet das Wort "Brieflichkeit" für Sprachbilder wie Paulus' Bezeichnung der Korinther als "Brief Christi" oder Friedrich Schlegels Bestimmung des Romans als "eine Art von Brief". Zum Konzept verallgemeinert, hält er das "Bild des Briefes" für ein neu entdecktes "Paradigma für die Artikulation kultureller Selbstverhältnisse" seit der Französischen Revolution. Diese These legt Pankow seinen dekonstruktivistischen Deutungen von vier bildlichen und literarischen Werken der französischen, deutschen und englischen Tradition zugrunde. Seine Spurensuche zielt auf Differenzen und Ambiguitäten. Da die Beispiele aber schon außerordentlich häufig interpretiert wurden, entsteht ein höchst angestrengtes Ringen um Originalität.

          Jacques-Louis Davids Porträt des sterbenden Marat entziffert Pankow als Zeichen krisenhaften Geschichtsbewußtseins. Im Bild sieht man etwas von jenem Brief, mit dem sich die Mörderin Zutritt bei ihrem Opfer verschafft. David zitiert daraus die rätselhafte Wendung der Corday, daß es ihr genüge, sehr unglücklich zu sein, um ein Anrecht auf das Wohlwollen des Adressaten zu haben. Pankow registriert mit detektivischem Blick jede kleinste, selbst orthographische Abweichung von den historischen Dokumenten oder mißt alle Bildachsen nach. Und siehe da, die Unterstreichung des Namens Marat weist nicht nur die gleiche Form wie die blutige Brustwunde auf. Sie sind noch dazu ebensoweit voneinander entfernt wie die Schreibfeder und das blutige Messer von dem Einstich. Das so bezeichnete gleichschenklige Dreieck steht für die aus dem Bild entschwundene Frau, deren Hand die Epistel zur Waffe machte. Ein zweiter Brief im Bild vervollständigt das ganze Bild zum Geschichtsbrief. Dieser kaum lesbare Zettel weist der Familie eines gefallenen Patrioten Geld zu, doch liegt er auf der Kippe und droht selbst zu fallen.

          David erzählt nicht nur eine vieldeutige Fabula und Historia vom Mord, sondern Geschichte selbst wird zum Gegenstand dargestellter Ambivalenzen: Das Bild ist zweifach datiert, auf das Jahr "17-93" nach der bereits verlöschenden alten wie auf "l'an-deux" nach der revolutionären neuen Zeitrechnung. Der Pinselstrich zwischen den alten Ziffern und den neuen Worten ist der Riß im Geschichtsbewußtsein. Das Zeichen gleicht - man ahnt es schon - der Stichwunde wie der Namensunterstreichung. Das sind nur einige Beispiele von Uneindeutigkeiten, die jede traditionelle, auf einen intendierten Bildsinn gerichtete Verstehenserwartung untergraben sollen. Ganz ähnlich präsentieren sich die drei anderen, nicht weniger ambitionierten Interpretationen. In Hölderlins "Hyperion" bestimmt der Brief nicht nur die Form des Romans, sondern erscheint als "Schicksalsweise". Briefschreiben weist über die bloße Befähigung des Künstlers zur Kommunikation hinaus, es wird zum höheren "Geschick" des einzelnen, der Natur, der Kultur, gar der Götter. "Psyche unter Freunden" nennt Hölderlin gegenüber Böhlendorff "das Entstehen des Gedankens im Gespräch und Brief". Das trifft Pankows metaphorischen Sinn von Brieflichkeit als künstlerisches Geschick statt Handwerk: Im "Hyperion artikuliert sich Schicksal stets im und als Brief".

          Neben Brieflichkeit als Medium der "Geschichte" bei David oder als Schicksal der "Literatur" bei Hölderlin tritt sie als "Genre" oder dessen Anomalie in Jean Pauls "Hesperus". Für Jean Paul sind Bücher nur dickere Briefe an Freunde, eigentliche Briefe hingegen dünnere Bücher für die Welt. Der Roman wird selbst zum großen Brief, zerfällt aber zugleich in die von einem Hund zugestellten Poststücke und vielfältig eingeschaltete Episteln. Ähnlich verdoppelt sich der Autor: Von außen regiert er ein Geschehen, in dem er selbst als Figur auftritt. Dieses kühne literarische Experiment paßt vielleicht am besten zu Pankows Idee der Brieflichkeit, da die vielen Verdoppelungen, Inversionen, Abschweifungen oder Brüche dem vertrackten, störanfälligen Korrespondenzsystem der skurrilen Hundspost wundersam zu entsprechen scheinen.

          Im letzten Schritt wird das "Genre" durch "Theorie" überboten. Poe entfesselt in seiner Dupin-Trilogie ein raffiniertes Spiel mit dem Doppelsinn von letter: Geist und Buchstabe, Denken und Brief, Epistemologisches und Epistolares, letztlich auch Lektüre und Mord bedingen in diesen Kriminalgeschichten einander. So feinsinnig wie diese höhere Logik der Brieflichkeit ist das ganze Buch. Tapfer widersteht es jedem festschreibenden Sinn und setzt sich auch kein Lernziel über literaturwissenschaftliche Deutungsakrobatik hinaus. Vollendet ist es allein in sich selbst.

          ALEXANDER KOSENINA

          Edgar Pankow: "Brieflichkeit". Revolutionen eines Sprachbildes. Jacques-Louis David, Friedrich Hölderlin, Jean Paul, Edgar Allan Poe. Wilhelm Fink Verlag, München 2002. 222 S., br., 29,- [Euro].

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