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Rezension: Sachbuch : Die Vorarbeiter zum Tode

  • Aktualisiert am

Ein Faksimile des Schreckens

          3 Min.

          Der amerikanische Historiker Goldhagen hat mit seinen Thesen von "Hitlers willigen Vollstreckern" auf der Basis eines tief im Deutschen verwuzelten Ansisemitismus Aufsehen wie Widerspruch erregt; selbst entschiedene Gegner einer "Schwamm drüber"-Haltung wandten sich gegen manche Pauschalurteile. Der Streit um die Wehrmachtsausstellung hat die Diskussion noch einmal angeheizt, den Blick auf die Kriegsaktivitäten fokussiert. Verdrängt wurden darüber die ideologischen Vorarbeiten für den Holocaust, die letztlich schon mit der "Machtergreifung 1933 einsetzten, mit den "Nürnberger Gesetzen" 1935, mit der "Reichskristallnacht" 1938 tödliche Schubkraft gewannen. Wie systematisch und zielstrebig das Regime bei der "Erfassung", Ausgrenzung und Vernichtung von Menschen jüdischer Abstammung vorging, lässt sich an kaum einem anderen Dokument so perfekt studieren wie an dem berüchtigten Lexikon der Juden in der Musik" von 1940. Eva Weissweiler hat dieses nun in einem Fasimiledruck wieder zugänglich gemacht, gründlich kommentiert und um eine gewiss noch unvollständige Liste von 259 Deportationsopfern ergänzt (Eva Weissweiler: "Ausgemerzt!" Das Lexikon der Juden in der Musik und seine mörderischen Folgen. Dittrich Verlag, Köln 1999. 448 S., geb., 58,- DM).

          Die lakonisch stereotypen Anmerkungen wie "Transport am . . ." oder "Verschollen in Auschwitz" dokumentieren drastischer als anteilnehmende Schilderung der Schicksale die tödliche Funktion dieser Enzyklopädie; zumal Emigranten-Odysseen, auch Selbstmorde hier nicht vorkommen: Wer in dies musikologisch-bürokratisch so emsig-gründlich geknüpfte Netz geriet, hatte nur noch geringe Überlebenschancen. Lexika haben in der Regel eine Doppelaufgabe, sollen den aktuellen Kenntnisstand möglichst exakt und umfassend wissenschaftlich "objektiv" dokumentieren - und zugleich Handreichung für die Praxis bieten. Ebendiesen Zweck hat der seinerzeitige Herausgeber Herbert Gerigk in seinem Vorwort unmissverständlich definiert: "eine Handhabe zur schnellsten Ausmerzung aller irrtümlich verbliebenen Reste aus unserem Kultur- und Geistesleben . . . Da soll das Lexikon ein sicherer Wegseiser sein." Was "Ausmerzung" in der NS-Terminologie bedeutete, war damals nur allzu klar, bedeutete in letzter Konsequenz physische Vernichtung.

          Bedrückend an diesem makabren Monument deutschen Forscher-Fleißes ist nicht nur der rassistische Wahn als solcher, sondern mehr noch der wahrhaft totalitäre Charakter: Lückenlos und unzweideutig soll alles erfasst werden, der "Säuberung" geht die akribische Auflistung voraus. Wissen ist Macht zum Tode, Wissenschaft liefert die "license to kill".

          Wer waren die Schergen des Systems? Herbert Gerigk hatte sich 1932 über Verdi habilitiert, damals noch über Meyerbeer ohne antisemitische Ausfälle geschrieben. Dann übernahm er das Amt Musik im Herrschaftsbereich des Reichsleiters Rosenberg und wurde zum immer fanatischeren, gnadenloseren Jäger und Sammler "nichtarischer" Biographien. Dabei ging ihm eine Crew eifriger Musikologen zur Hand, vor allem der Lassus- und Schumann-Forscher Wolfgang Boetticher, aber auch andere Koryphäen der deutschsprachigen Musikwissenschaft. Nicht wenige von ihnen haben nach 1945 weiter Karriere gemacht, als Professoren oder Journalisten. Und Eva Weissweiler belegt auch, wie das renommierte Lexikon "Musik in Geschichte und Gegenwart" in seiner Entstehung 1939 mit den Gerigk-Aktivitäten gekoppelt war, manche fragwürdige Autoren nach 1945 munter weiter beitrugen. Wobei sie erwähnt, dass ausgerechnet Hans-Joachim Moser und Friedrich Blume, wegen ihrer NS-Vergangenheit kritisiert, von Gerigk zunächst mit Misstrauen bedacht wurden. Ja, in München und Wien will sie sogar Anzeichen antipreußischer Renitenz gegen den Berliner Allmachtsanspruch erkannt haben.

          Natürlich ging es beim "Lexikon der Juden" nicht ohne Verrenkungen ab. Hinweise auf einen "nichtarischen" Webfehler ausgerechnet bei Cosima Wagner, also dem NS-Ideologiezentrum Bayreuth, wurden niedergeschlagen. Die Heine-Lieder Schuberts und Schumanns waren der Polemik entückt, die da Ponte-Libretti Mozarts wurden als nichtige Kärrner-Arbeit für das Genie abgetan. Die jüdische Abstammung von Johann Strauß wurde ebenso unterschlagen wie Eduard Hanslicks ironische Replik auf Wagners Hetztiraden: Es ehre ihn zwar, in eine Reihe mit Mendelssohn und Meyerbeer gestellt zu werden. doch seine Vorfahren seien nun einmal mährische Bauern gewesen. Manches in diesem Kompendium entstammt also keineswegs wissenschaftlicher Akribie, sondern Gerücht und Wunschdenken.

          Als Johannes Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen sah, wie ein altes Weiblein eilfertig ein Reisigbündel herbeischleppte, entrang sich ihm "Sancta Simplicitas". Die Schergen des Stalinschen GULag-Terrors waren nicht einfältig, sondern Apparatschiks: fanatisch, ressentimentgeladen, sadistisch, opportunistisch. Das war bei den Nazis nicht anders. Doch die Vorarbeiter des Todes in Wissenschaft und Kunst waren Bildungsbürger, humanistisch geschult, akademisch qualifiziert, musikalisch begabt, mit Sprachkenntnissen - und stets bereit, die ewigen Werte wahrer deutscher Kultur pathetisch zu beschwören, bombastisch gegen "jüdisch-bolschewistisches Untermenschentum" ins Feld zu führen und zum Zwecke der "Liquidierung" bei den Feldzügen einzusetzen. Nicht zuletzt diese Spanne zwischen Geist-Herrenmenschen-Weiheton und der Vorreiterrolle für den Holocaust treibt den Ekel hoch. Wenn Grillparzer mahnte, der Weg der Menschheit führe von der Humanität über die Nationalität in die Bestialität, so lässt sich das an diesem Lexikon und seinen Auswirkungen exemplarisch verkürzt erfahren.

          GERHARD R. KOCH

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