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Rezension: Sachbuch : Die Urschrift der Chaostheorie

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Alles auf Anfang

          3 Min.

          Man mag der reformierten Rechtschreibung Schlechtes nachsagen, soviel man will, ein Vorzug ist unbestreitbar: Sie vermehrt die Zahl der Möglichkeiten und insofern die Freiheit. Jedenfalls die Freiheit im modernen Verstande, die Freiheit Isaiah Berlins, die negative, die Freiheit vom Zwang, die Wahlfreiheit. Der alte Duden war der Kodex einer hobbesianischen Welt: Die Autorität der Mannheimer Redaktion, nicht die Wahrheit ihrer sprachwissenschaftlichen Prämissen machte ihre Verlautbarungen zum Gesetz. Künftig muss die Sprachgemeinschaft die Zweifelsfragen selbst entscheiden, in denen nun niemand mehr maßgeblich ist, in einem alltäglichen Plebiszit. Früher zogen orthografische Spitzfindigkeiten die Rechthaber und Spielverderber an. Indem durch die Reform der rechtspositivistische Begriff von rechter Schreibung verschwindet, entstehen Spielräume der moralischen Konversation. Man kann jetzt darüber streiten, welche Schreibung eleganter, prägnanter, besser ist. Die Anhänger des Regelgehorsams und Liebhaber des Absehbaren müssen also nicht verzweifeln. Ihrem ästhetischen Ideal, wonach gleich aussehen müsse, was gleich klinge, steht womöglich eine grandiose Karriere bevor. Schick wird die Uniform, wenn niemand sie tragen muss, und vielleicht wartet die deutsche Sprache nur auf den Helmut Lang unter den Dichtern.

          Unter dem alten Regime war ein Komma fast immer richtig oder falsch. Es hatte nichts zu bedeuten. Erst wenn man es setzen kann oder nicht, wird das Satzzeichen wirklich zum Zeichen. Gerade das nicht gesetzte Komma ist ein ästhetisches Statement; es markiert den Mann von Welt, der über die Dinge hinweggleitet. Mit den Wahlmöglichkeiten vermehren sich auch die nicht gewählten Möglichkeiten, die unbetretenen Pfade, die verpassten Chancen. Die Rechtschreibung, die uns bislang auf das hier und jetzt Gültige festlegte, eröffnet das utopische Reich unendlicher Reflexion. Dem Grübeln darüber, ob man in jener Reportage aus dem venezianischen Getto nicht doch lieber "Spaghetti" statt "Spagetti" hätte schreiben sollen, ist so wenig eine Grenze gesetzt wie der Entwicklung der Sprache selbst.

          Es geht von daher mit rechten Dingen zu, wenn ein Buch, das den Nutzen der Frage "Was wäre gewesen, wenn?" für die Geschichtswissenschaft beweisen will, eigener Auskunft zufolge "auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln erstellt" worden ist (Niall Ferguson : "Virtuelle Geschichte". Historische Alternativen im zwanzigsten Jahrhundert. Aus dem Englischen von Raul Niemann. Primus Verlag, Darmstadt 1999. 410 S., geb., 58 Mark). Dass dieses Buch gedruckt werden musste und nicht etwa besser Hirngespinst geblieben wäre, ist schwer zu bestreiten. Auch und gerade im zwanzigsten Jahrhundert ist schließlich unendlich viel mehr nicht passiert als passiert. Jedes Ereignis ist eine Insel im Meer des Nichtgeschehenen, jedes Komma eine Träne im Ozean des Weißraums. Niemand vermag zu sagen, welches Buch in einem gebildeten Haus nicht fehlen darf, denn die ungeschriebenen Bücher sind ungelesen geblieben, der zweite Band von "Sein und Zeit" und "Das Geheimnis meiner Millionen" von Dagobert Duck.

          Niall Ferguson aber hat die Tinte nicht halten können, sondern Prolegomena "zu einer Chaostheorie der Vergangenheit" niedergelegt. Und seine Kollegen, die wissen, was geschehen wäre, wenn Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen oder der Westen den Kalten Krieg verloren hätte, haben die Löschtaste am Laptop nicht betätigt. Raul Niemann hat das Buch übersetzt. Wie leicht schreibt sich das! Jede Übersetzung ist ein Palimpsest verworfener Versionen, nicht anders, bedenken wir es recht, als das Buch der Geschichte selbst. Im Original ist beispielsweise von dem Philosophen Michael Oakeshott die Rede. Bei Niemann erscheint er als Michael Oakshott. Und warum auch nicht? Auch Shakespeare unterschrieb schließlich als Shakespear, Shakespere, Earl of Oxford. Es ist gut möglich, dass die Schreibweise "Oakshott" auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln gewählt wurde, schließlich entspricht sie dem Prinzip, dass der Wortstamm ("oak") erkennbar sein soll.

          Auch die Tilgung des "h", wie sie die Verwandlung der Orthographie in die Orthografie (warum eigentlich nicht Ortografie?) vollzieht, wirft bei Niemann einen Sinnüberschuss ab, den Hamann, der Lobredner des unhörbaren Hauchs, sich nicht hätte träumen lassen. "Kein Waterloo, keine Wig-Geschichte": So fasst Ferguson laut Niemann George Macaulay Trevelyan zusammen. Fürwahr, hätte Napoleon triumphiert, dann hätte er den Whigs, den eitlen Gecken, die Perücken vom Kopf gerissen.

          Ein virtuelles Geschichtsbuch regt an zu einer virtuellen Rezension. Die Frage, was wir nicht alles hätten lesen können, muss das real existierende Buch immer in ein ungünstiges Licht rücken. Wie gerne hätten wir Kapitel über England ohne Cromwell, Amerika ohne Revolution und Irland ohne Unabhängigkeit studiert. In diesem Fall kann der Historiker aber sogar sagen, was hätte geschehen müssen, um den erwünschten Erfolg zu ermöglichen. Der Verlag hätte nur die drei entsprechenden Abschnitte des Originals übersetzen müssen, das sich nicht auf das zwanzigste Jahrhundert beschränkt, sondern eine monarchisch-kirchlich-kapitalistische Gegengeschichte der modernen Welt entwirft, mit einem Wort: Tory-Geschichte. Mit keinem Wort erfährt der deutsche Leser, was ihm vorenthalten wird. So ist aus einem Buch, das eine Vielzahl verschütteter Vergangenheiten freilegen will, doch wieder nur eine Vorgeschichte der Gegenwart geworden. Dann hätte man gleich noch ein Kapitel aus der allerjüngsten deutschen Geschichte hinzufügen können: Die historische Chaostheorie wird einmal dankbar dafür sein, dass die Rechtschreibreform nicht verhindert worden ist.

          PATRICK BAHNERS

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