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Rezension: Sachbuch : Die Treppe von Odessa wird geputzt

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Nicht nur sauber, sondern rein: Otto Karl Werckmeister befreit die Kunst aus den Fängen der Ideologie

          Die Kunst des Faschismus hat keine Werke hervorgebracht, die über sein politisches Ende hinaus Bestand hatten. Beim Marxismus war das anders. Der Kunsthistoriker Otto Karl Werckmeister, der das Scheitern des lange Jahre von ihm präferierten Marxismus gut meistern konnte, weil er früh dessen Schattenseiten registriert hat, greift fünf Beispiele von Kunstwerken heraus, die zu Leitbildern in ihren Genres geworden sind: Walter Benjamins Deutung von Paul Klees "Angelus Novus", Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin", Picassos "Guernica", Bilals und Pierre Christins Comic "Treibjagd" und Stephen Soderbergs Film "Kafka".

          Werckmeister wählt für diese Werke den Begriff der Ikone, "weil sie in der marxistischen Kultur des Kapitalismus von ihrem historischen und politischen Ursprung abgetrennt und zu visuellen Fanalen einer linken Mentalität der Abweichung ohne politische Anhängerschaft und ohne politische Selbstverpflichtung verklärt worden sind". Diese Überführung aus ihrem ursprünglichen Kontext ins moralisch Allgemeine nehme den Kunstwerken nicht nur wichtige Aspekte ihrer Aussage, sondern belastet laut Werckmeister vor allem den gegenwärtigen Marxismus in seiner Herausforderung des Kapitalismus. Denn ohne die Anbindung an ihre Entstehungsgeschichte gaukeln die Kunstwerke eine unpolitische Haltung vor, die "vom Bewußtsein ihrer eigenen Folgenlosigkeit durchdrungen" ist. Dies aber, so Werckmeister, ist für linkes Denken derzeit nicht akzeptabel. Es müsse wieder Verantwortung übernehmen und sich von einer Mentalität befreien, die nach dem Systemsieg des Kapitalismus alle politischen Hoffnungen begraben habe.

          Wenn Picassos Kolossalgemälde heutzutage allein als Aufschrei angesichts des Leids der wehrlosen Zivilbevölkerung Guernicas gedeutet werde, obwohl es, wie Werckmeister glaubhaft herausarbeitet, ein Propagandabild für den Volkskrieg war (deshalb hing es auf der Pariser Weltausstellung 1937 im spanischen Pavillon und nicht in dem der Friedensbewegung), wird es zur parteilosen Stimme gemacht, die denkbar gut in den Chor der desillusionierten Linken einstimmt: Pazifismus statt Sozialismus.

          Gleiches gilt für Benjamins Allegorie "Engel der Geschichte", die in ihrer späten Ausformung das Entsetzen des Philosophen über den Hitler-Stalin-Pakt kundtat. Aber erst im Kontrast mit seinen vorwärtsgewandten Geschwistern aus Benjamins Texten der Jahre vor 1940 erweist sich der Engel als Figur eines Denkprozesses, der zwar in die Resignation mündete, aber nie die Überzeugungen preisgab, die bereits den jungen Theoretiker angetrieben hatten.

          Die heutigen Interpreten kennten diese Werte nicht mehr, sie sähen nur den Fatalisten Benjamin. Oder sie begriffen Eisenstein als Vertreter eines humanen Marxismus, ohne zu beachten, daß "Panzerkreuzer Potemkin" dem "militarisierten Sozialismus" das Wort redete. Hier indes wird Werckmeisters Deutung etwas vage, denn Eisensteins Film ist für ihn zugleich der Höhepunkt der "Neuen Ökonomischen Politik", die nach dem Bürgerkrieg nun gerade nicht mehr auf die Waffen setzte. Ein anderes Mal spricht Werckmeister der berühmten Treppenszene in Odessa jede klassenübergreifende Solidarität ab (es seien nur Bürger dargestellt), dann wieder prangert er vier Seiten danach die ",kleinbürgerliche' Begeisterung der klassenübergreifenden Menge auf den Treppenstufen" an. Hier hat der scharfe Blick des Interpreten Widersprüche gezeitigt, die aus Liebe zum Detail stehengelassen wurden.

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