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Rezension: Sachbuch : Die Tour wird nicht an einem Tag gewonnen, aber manchmal mit einem Bluff

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Als die Radhelden noch nicht gläsern waren: Anquetils und Poulidors "Duell auf dem Vulkan"

          Der Autor dieser Buchbesprechung ist seit zehn Jahren Radprofi. Seit 1997 fährt er für Festina. Vom Ausschluß der Mannschaft wegen des Dopingskandals bei der Tour de France ist der Kölner nicht betroffen, weil er nicht für die Tour gemeldet war. Allerdings wird er wie alle Festina-Fahrer von den französischen Behörden vernommen werden.

          Der Zweikampf zwischen Jacques Anquetil und Raymond Poulidor ist Legende, und ihre Quintessenz ist die Etappe auf den Puy de Dôme, den Vulkan bei Clermont-Ferrand. In Frankreich weiß jeder, wie sie ausgegangen ist; in einer Radsportnation wie dieser ist das Duell auf dem Vulkan ein Klassiker des Sports, wie ihn in Deutschland nur Fußball hervorbringt mit Bern 1954 und dem Wembley-Endspiel, wie Boris in Wimbledon und Steffi und vielleicht auch noch Schumi. Am 12. Juli 1964 gingen Anquetil im Gelben Trikot und Poulidor als Zweiter mit 55 Sekunden Rückstand auf die drittletzte Etappe der Tour de France. Sie endete auf dem Puy de Dôme, auf den sich die Straße viereinhalb Kilometer lang hinaufwindet und am Ende eine Steigung von 13,5 Prozent erreicht.

          Anquetil, fünfmal Sieger der Tour, wurde, weil er so kalkuliert fuhr, "IBM-Maschine" genannt. Poulidor war der Liebling; er gewann nie die Tour, und er fuhr keinen einzigen Tag im Gelben Trikot. Hätte er sich nicht so einschüchtern lassen, sagt man, hätte er die Tour gewonnen. Laborde beschreibt diesen einen Anstieg, den Berg, das Rennen, vor allem die inneren Monologe mit Rückblicken und Erinnerungen, ihren Hoffnungen, ihren Selbstzweifeln. Das ist das Schönste daran. Sicher ist er Romancier, und niemand weiß, was wirklich in den Köpfen der beiden vor sich ging. Aber so, wie er es beschreibt, denken Rennfahrer - ich jedenfalls. Man kann nicht sechs Stunden fahren und an nichts denken.

          Wie es ausgeht, weiß jeder, aber was denken die beiden am Ende? Schulter an Schulter gehen Poulidor und Anquetil in den Anstieg; der Herausforderer immer außen herum, am Abgrund, der Verteidiger innen, an der Bergseite. Anquetil gibt keinen Millimeter nach, und Poulidor zögert mit der Attacke. Vielleicht hatte Anquetil das alles sehr gut kalkuliert. Vielleicht war auch alles Zufall. Bahamontes gewinnt die Etappe, Gimines wird Zweiter. Erst an der "flamme rouge", die den letzten Kilometer anzeigt, geht Poulidor weg. Er nimmt Anquetil auf tausend Metern vierzig Sekunden ab. Die Fotos der beiden im Ziel sagen alles: Poulidor sieht stark aus, Anquetil so ausgezehrt, als würde er morgen sterben. Wenn man in solch ein Gesicht schaut beim Anstieg, muß man sofort attackieren. Aber Poulidor schätzte sich wohl, wie meist, als zu schwach ein, und Anquetil tat alles, daß es so blieb.

          Das letzte solche Duell bei der Tour war das zwischen Lemond und Fignon 1989, das mit der Niederlage Fignons im Einzelzeitfahren von Paris endete, mit dem Sieg Lemonds mit acht Sekunden Vorsprung in der Gesamtwertung. Ihr Duell, ihr Showdown war ein Kampf gegen die Uhr. Das macht die Tour aus: Sie wird nicht an einem Tag gewonnen, sondern in drei Wochen. Aber sie wird an einem einzigen Tag verloren, in einer einzigen Stunde, an einem einzigen Berg. Nach Greg und Laurent kamen Induráin und die kalkulierten Touren. Die Ausnahme war Riis; er war zu überlegen, um sich zu einem Duell herausfordern zu lassen.

          Die Legende ist auch durch die Überlieferung entstanden. 1964 gab es, das sieht man auf den Fotos, kleine Handkameras. Aber die berühmteste Aufzeichnung ist eben keine Filmsequenz, sondern das Foto der beiden, Schulter an Schulter. Die Beschreibung durch die Journalisten, das Wort, das Ausschmücken und die Phantasie haben aus dieser Etappe mehr gemacht als nur einen Tag vor 34 Jahren.

          Heute gibt es, wenigstens bei der Tour, ein solches Duell und einen solchen Bluff nicht mehr. Der Athlet ist gläsern. Jede Schwäche wird gnadenlos festgehalten. Die Sportler selbst kennen sich. Wir fahren mit Pulsuhr, kennen unser aerobe Schwelle, bleiben wie mit einem Drehzahlmesser unterhalb des roten Bereichs. Wir kennen unsere Maschine wie Schumacher seinen Ferrari, kennen die richtige Übersetzung und wissen die Motortemperatur. Nur, wir sind keine Maschinen, sondern Menschen. Anquetil hatte diese analytische Fähigkeit. Er konnte nicht nur sich genau einschätzen, sondern auch andere. Man sieht es im Gesicht, ob jemand mit siebzig Prozent fährt oder mit hundert.

          Im Radsport ist es wie im richtigen Leben. Wer von sich überzeugt ist, ist erfolgreicher. Und unter Umständen, wie Anquetil, weniger beliebt. Jacques Anquetil hat damals die Touren gewonnen wie später Induráin. Er war der beste Zeitfahrer und gut in den Bergen. Vielleicht hätte er auch anders gewinnen können, aber er wollte es nicht riskieren. Anquetil wurde gehaßt zu Lebzeiten, und seit er tot ist, wird er geliebt. Die Ehrung von Rouen im vergangenen Jahr an seinem Grab, das war die Tour dem Champion schuldig.

          Doping spielt bei Laborde keine Rolle. Wenn der Autor davon ausgehen würde, daß der eine gedopt war, würde er wohl annehmen, daß es auch der andere war, daß es deshalb unerheblich war. Tom Simpson fährt auf dieser Etappe einmal durchs Bild, und Laborde erwähnt seinen späteren Tod am Mont Ventoux. Es tut mir gut, daß es kein Buch über Doping, sondern über Radrennen ist.

          Ein Buch wie dieses könnte hier nicht erscheinen. Radsportnation Deutschland? Das erste, was im Jahr eins nach dem Tour-Sieg von Jan Ullrich passiert, ist, daß das älteste deutsche Radrennen - Rund um Köln - eingeht, obwohl der Tour-Sieger zugesagt hatte. Die deutsche Radsportkultur ist im Jahr eins, selbst wenn seinerzeit Zigtausende am Nürburgring dabei waren, als Rudi Altig Weltmeister wurde. Wer kennt zum Beispiel Heinz Müller? Er war 1954 Rad-Weltmeister. Davon handelt kein Buch wie dieses. MARCEL WÜST

          Besprochenes Buch: Christian Laborde: "Duel sur le volcan", Edition Albin Michel, Paris, 128 Seiten mit 15 Schwarzweißfotos, 89 Franc.

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