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Rezension: Sachbuch : Die Tour des Lance Armstrong: Eine Überprüfung des Willens zu leben

  • Aktualisiert am

Ein Sieger berichtet: "Ich wollte dem Krebs die Beine ausreißen"

          Hat Sport einen Sinn? Kämpft ein Athlet um irgend etwas Wichtiges? Geht es im Ernst um Bedeutendes, wenn ein Sportler siegt oder verliert? Ist die Tour de France mehr als ein Wettbewerb in sinnlosem Leiden?

          Eigentlich nicht, sagt Lance Armstrong, der sie im vergangenen Jahr gewann. Dennoch ist für ihn die Tour alles: eine Prüfung des Körpers, des Geistes und der Moral. Sie ist für ihn eine Überprüfung des Willens zu leben und der Fähigkeit zu leben. Armstrong hat die tödliche Krankheit Krebs und ihre schreckliche Therapie überlebt, und dann hat er den wohl härtesten Wettbewerb gewonnen, den es in der Welt des Sportes gibt. Das hatte einen Sinn.

          "Eines der erlösenden Dinge daran, dass man Sportler ist - einer der wirklichen Dienste, die wir leisten können -, ist, neu zu definieren, was menschlich möglich ist. Wir veranlassen Menschen, ihre Grenzen zu überdenken, zu sehen, das, was aussieht wie eine Mauer, in Wirklichkeit nur ein Hindernis in Gedanken sein könnte. Krankheit war in dieser Hinsicht sportlicher Leistung nicht unähnlich: So vieles über unsere menschlichen Fähigkeiten wissen wir nicht, und ich hatte das Gefühl, dass es wichtig war, diese Botschaft zu verbreiten", schreibt Armstrong in seinem Buch "It's Not About The Bike".

          Die Botschaft geht über die Gemeinschaft der Krebskranken hinaus, denn sie heißt: Wer kämpft, kann sogar den Tod besiegen. Lance Armstrong wird im September 29 Jahre alt werden. Vor knapp viereinhalb Jahren begann er mit einer Operation von Krebs im Hoden und Metastasen in Kopf und Lunge den Kampf. Vor einem Jahr gewann er die Tour de France. Im Führerschein hat er bis heute ein Foto, das ihn ohne Haar, ohne Augenbrauen und Wimpern zeigt; ein Memento mori, aufgenommen während der Chemotherapie im Herbst 1996.

          Lance Armstrong hat einiges zu sagen. Sein Buch geht an den stärksten Stellen unter die Haut. Was als Fiktion banal erschiene, die Metapher vom Radfahren als Abbild des Lebens, ist hier über jeden Zweifel erhaben. Nur einer wie Armstrong darf so von den Narben erzählen, die daher rühren, dass ihn im Training immer wieder Lastwagen in den Straßengraben drängen, wie er von einer Minute auf die andere mit dem Gesicht im Dreck liegt, umweht von Auspuffgasen, und nichts tun kann, als die Faust gegen die verschwindenden Heckleuchten zu schütteln - und dann zuschlagen: "Krebs war so. Es war, wie von einem Lastwagen von der Straße gefahren zu werden, und ich habe die Narben, um es zu beweisen."

          Die Wucht des Schicksals traf auf einen kampfbereiten Gegner. Armstrong übertraf als Sportler die sprichwörtliche Härte und Leidensbereitschaft der Radprofis. Er fuhr mit Adrenalin und Wut, behauptet er, steigerte die Qual in Höhen, die kein Konkurrent mehr aushielt, und wäre sogar bereit gewesen, einem Widersacher den Kopf abzubeißen, um zu siegen. Mit 21 wurde er Weltmeister.

          Zwei Jahre später, 1995, begegnete er zum ersten Mal dem Tod. Während der Tour de France stürzte sein Mannschaftskamerad Fabio Casartelli auf einer Pyrenäenabfahrt und starb. Drei Tage danach attackierte Armstrong und siegte auf der Etappe, die Casartelli zu gewinnen sich vorgenommen hatte. Mit einer unvergessenen Geste, einem Fingerzeig gen Himmel, während er über die Ziellinie in Limoges rollte, widmete Armstrong den Erfolg dem Toten. Da habe er gespürt, behauptet er, dass er zu einem höheren Zweck gefahren sei.

          Und dann bekamen Härte und Leidensbereitschaft eine völlig andere Bedeutung. Armstrong erzählt, wie er einem krebskranken Jungen begegnet, der gegen den Krebs und die Folgen der Chemotherapie kämpfte. Der frühere Weltmeister stand dem Kind nicht nach. "Ich wollte dem Krebs die Beine ausreißen, so wie ich anderen Fahrern am Berg die Beine ausgerissen hatte." Als die Krankheit besiegt war, begann Armstrong wieder mit dem Training. Auch körperlich war er ein anderer geworden: austrainiert zehn Kilo leichter als vorher. Er steckte sich mit dem Toursieg ein Ziel, das, nach dem, was er gerade erreicht hatte, zweitrangig war. In erster Linie nämlich verstand sich Armstrong als Überlebender, nicht als Athlet.

          Das Buch hat ein Happy End mit Heirat, Toursieg und Kind. Hollywood wird es verfilmen. Es hätte eine Übersetzung verdient, die Respekt zeigt vor Armstrong und seiner Leistung, eines, das die Sprache der Co-Autorin Sally Jenkins verstehen will. Wo aber der Autor hart wird, ist das Deutsch schwammig; wo die Erzählung prägnant wird, stehen Sätze, die es im Original nicht gibt. Am Beispiel eines seiner ersten Profi-Triathlons will Armstrong beschreiben, wie seine Mutter ihn Unbeugsamkeit lehrte. Schlecht präpariert verliert der Fünfzehnjährige die Führung durch einen Hungerast. Er könne auf keinen Fall aufgeben, sagt ihm die Mutter, selbst wenn er ins Ziel gehe statt zu rennen. Er geht ins Ziel; eine Schmach. Auf deutsch kriecht er. Die Übertreibung versucht die Metapher zu metaphorisieren. Und banalisiert damit den Text. Das hat das Buch nicht verdient. Denn wie die sportliche Leistung seines Autors hat es einen Sinn.

          MICHAEL REINSCH

          Besprochenes Buch: Lance Armstrong with Sally Jenkins: "It's Not About The Bike - My Journey Back to Life". Putnam, New York, 288 Seiten, günstigster Preis (Internet-Anbieter): 19,95 Euro (39,03 Mark).

          Deutsche Übersetzung unter dem Titel: "Tour des Lebens - Wie ich den Krebs besiegte und die Tour de France gewann", Lübbe, Bergisch Gladbach, 336 Seiten, 36 Mark.

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