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Rezension: Sachbuch : Die Stadt der Frösche

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Immer geradeaus: Louis-Sébastien Mercier erkundet Paris

          5 Min.

          Louis-Sébastien Mercier wurde am 6. Juni 1740 geboren und ging gerne downtown. Nicht um zu shoppen. Er lief durch die Straßen von Paris, weil er über das staunte, was er sah, hörte und roch. Er wollte der Stadt - einer wachsenden, unheimlichen Masse - auf die Schliche kommen. Paris war ihm nicht geheuer. Tausendundeine Ansicht vom Stadtleben trug er zusammen. Das Panorama, das entstand, war nicht lückenlos. Wie hätte es anders sein können? Die Stadt veränderte sich, und Mercier, dem es nur nebenbei um eine Theorie der Stadt ging, war in ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Paris verwickelt.

          Die Stadt sprach Bände. Die Dinge sagten etwas: nichts Kryptisches und Deutungsträchtiges, dem Baudelaire, Walter Benjamin und Georg Simmel auflauerten. Bei Mercier riefen die Dinge nur: Schau her, hier bin ich! Mercier guckte hin: Da! - die Märkte, die Gefängnisse, die öffentliche Kanalisation, die Rufe der Straßenhändler, die Schlachtereien, die Wasserträger, der Wäscheverbrauch, die Bestattungen, die Türsteher, die Mädchen im heiratsfähigen Alter, die Ehemänner, die Findelkinder, die Straßendirnen, die Theatereingänge, die Börsenspekulanten, die Unruhen. Ein Ethnograph macht es nicht anders, wenn er bei einem unbekannten Volk etwas über die Sitten und Gebräuche erfahren möchte. Erst der englische Ethnologe Malinowski suchte eine Einheit in den Dingen, als er bei den Trobiandern im Pazifik am Anfang der zwanzigsten Jahrhunderts auftauchte.

          Mercier verstand das "Tableau de Paris" als ein literarisches Pendant zum Genrebild: miteinander unverbundene Außenansichten des Alltags, die einen Gesamteindruck - mehr nicht: nur einen Eindruck - vom Leben an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit vermitteln sollten. Mercier war weniger ein analytischer als vielmehr ein fleißig sammelnder Zeitgenosse. Ein Romancier, der es mit dem Stadtleben und mit dem Innenleben seiner Bewohner aufnehmen konnte, war nicht in Sicht. Merciers Ansichten sind Postkarten aus der Hauptstadt. Sie wurden ins Deutsche schön übersetzt. Auf Atgets und Bayards Fotografien, die man der vorliegenden Ausgabe des "Tableau de Paris", zum ersten Mal 1990 im Manesse Verlag erschienen, beifügte, hätte man verzichten können. Hinweise auf die Entstehungszeit der einzelnen "Ansichten" aber wären hilfreich gewesen, ein Wort über die Kriterien der Auswahl wäre wünschenswert.

          Mercier hatte ein Verhältnis zu der Stadt. Das ging anderen auch so: "Viele Bewohner von Paris", bemerkte er, "leben wie Fremde in ihrer eigenen Stadt." Man lebte, oft auf engstem Raum, miteinander und lebte doch nicht miteinander, man sah einander, aber man kannte einander nicht, man hörte eine Menge und verstand wenig. Das Stadtleben stagnierte deswegen nicht, im Gegenteil. Die Gewohnheit des Pariser Lebens, das für viele ein arbeitsreiches und armes, schlimmstenfalls ein arbeitsloses und erbärmliches, nur für wenige ein amüsantes und sattes, bestenfalls ein tolles und überschwengliches war, habe die Bewohner, sagt Mercier, taub und blind gemacht für die Aberwitzigkeiten und Absonderlichkeiten, die mit dieser Stadt aus dem Boden geschossen seien. Sie hatten gelernt, für Alltag zu nehmen, was doch ein Anlaß zum Aufmerken gewesen war. Daß man lebte, überlebte - das war zwar ein Wunder, entscheidend aber war, wo und wie man sein Dasein unter all den in Paris seßhaften Menschen hinbrachte. Ein Mensch in Paris, das war nicht nur ein Mensch, sondern ein Pariser!

          In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts war Paris ein "Schlund", sagt Mercier, mit siebenhunderttausend Seelen - in den Augen der französischen Herrscher aber "eine gute Milchkuh": Einhundert Millionen Franc Steuergelder flossen Jahr für Jahr von hier in die Staatskasse. Der Hof nannte die Pariser: "die Frösche". Wer in Ruhe und auch in Zukunft regieren wollte, der mußte wissen, wie die Stimmung bei den Fröschen war, was sie sich erzählten. Daran maßen die Herrschenden, ob das Volk sie ertrug oder loszuwerden gedachte.

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