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Rezension: Sachbuch : Die Spur eines Verwandlers

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In der Gestalt, jenseits der Schranken: Dreißig Essays zu Elias Canettis "Masse und Macht" / Von Stefan Breuer

          5 Min.

          Masse und Macht sind Begriffe von notorischer Schwammigkeit, also strenggenommen gar keine Begriffe. Ein Großmeister der Soziologie wie Max Weber hielt sich denn auch nicht lange mit ihnen auf. Unter seinen "Soziologischen Grundbegriffen" kommt das Stichwort Masse nicht vor und Macht nur als amorphe und wissenschaftlich wenig ergiebige Vorstufe von Herrschaft. Daß damit allerdings die Sache als solche nicht erledigt ist, zeigt der Umstand, daß Weber in seinen politischen Schriften den Machtbegriff zur Kennzeichnung des politischen Handelns bemühte und vielfach erkennen ließ, daß er dem massenpsychologischen Diskurs der Jahrhundertwende mitnichten so fern stand.

          Seitdem hat es immer wieder Versuche einer genaueren Bestimmung gegeben - zuletzt mit Bezug auf den Machtbegriff durch Heinrich Popitz, der in seinen "Phänomenen der Macht" (1992) vielleicht den äußersten Punkt erreicht hat, an den man auf rein begrifflich-analytischem Wege gelangen kann. Daß es auch einen anderen, statt über Begriffe über Bilder vermittelten Zugang geben könnte, dafür steht das 1960 publizierte Buch "Masse und Macht" von Elias Canetti, über dessen Entstehungsgeschichte, Aufbau und Vorgehensweise der von Michael Krüger herausgegebene Essayband informiert.

          Canetti, so läßt sich den instruktiven Beiträgen Roberto Calassos und Christoph Menkes entnehmen, war von einer tiefen Abneigung gegen Begriffe erfüllt - nicht nur, weil er von den Phänomenen, die ihn interessierten, in der abstrakten Philosophie seiner Zeit keine Spur fand, sondern weil er überhaupt im Begriff kein Medium sah, das der unreglementierten Erfahrung zum Ausdruck verhelfen könnte. Wesentlich geeigneter hierfür erschienen ihm Bilder - nicht so sehr diejenigen, die in den Arsenalen, Museen und Archiven der kulturellen Tradition magaziniert waren, als vielmehr die plötzliche, imaginative Verdichtung bislang zerstreuter Elemente: Figuren und Masken. In diesem Versuch, die zersplitternde, zentrifugale und dadurch angstauslösende Erfahrung durch Bilder zu bewältigen und diese wiederum durch Umformung und Anverwandlung zu vergeistigen, weist Canetti übrigens gewisse Parallelen zu Aby Warburg auf, die einmal einer genaueren Untersuchung wert wären.

          Mit Warburg, der 1895/96 eine Reise zu den Pueblo-Indianern unternahm, um in den magisch-kultischen Praktiken des Schlangenrituals die Wurzeln der Symbolbildung aufzudecken, teilt Canetti das Interesse für Anthropologie und Ethnologie. Zwar bleibt er dabei durchgängig dem evolutionistischen Paradigma des neunzehnten Jahrhunderts verhaftet, indem er - eine weitere Parallele zu Warburg - besonders den Zusammenhang von Opfer und Religion herausstellt; zwar schöpft er bisweilen aus etwas trüben Quellen, indem er unsystematisch Reiseberichte ausschlachtet und ethnologische Werke manchmal völlig gegen den Strich liest. Doch erweist er sich bei allem Dilettantismus stets als aufmerksamer, eigenständiger und produktiver Kopf, der darüber hinaus, wie Ritchie Robertson meint, mit seiner Mischung von Beschreibung und Deutung bereits Techniken vorwegnimmt, die sich in der Anthropologie erst wesentlich später in Gestalt der thick description (Clifford Geertz) durchgesetzt haben.

          Der Anthropologie und Ethnologie entnimmt Canetti nicht nur das Material, mit dem er seine tragenden, sozusagen im Eigenbau konstruierten Kategorien wie Jagd-, Kriegs-, Klage- und Vermehrungsmeute illustriert. Er verdankt ihr zugleich die Figur, mit deren Hilfe er den von diesen Meuten ausgehenden Schrecken zu bannen versucht: den Trickster. Diese aus der indianischen Welt bekannte Figur ist ein Meisterverwandler, eine Art Joker, der jede Gestalt annehmen und damit alle Schranken übersteigen kann, der listig in alle Rollen zu schlüpfen und ebendadurch deren Gewalt zu brechen vermag.

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