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Rezension: Sachbuch : Die Sphinx mit dem Pinsel

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Die Werke von Tamara de Lempicka haften im Bildgedächtnis des zwanzigsten Jahrhunderts, oft abgelöst von ihrer Schöpferin, deren Person fast gänzlich im Vagen verschwindet. Von dramatischer Präsenz sind ihre Frauenbildnisse, offensiv aus dem Bildgrund drängende Volumina: Sie sind kraftvolle Figurinen, denen noch ihre nackte Haut schimmernder Panzer ist.

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          Die Werke von Tamara de Lempicka haften im Bildgedächtnis des zwanzigsten Jahrhunderts, oft abgelöst von ihrer Schöpferin, deren Person fast gänzlich im Vagen verschwindet. Von dramatischer Präsenz sind ihre Frauenbildnisse, offensiv aus dem Bildgrund drängende Volumina: Sie sind kraftvolle Figurinen, denen noch ihre nackte Haut schimmernder Panzer ist. Durch ihre Ganzkörpermaskeraden sind sie geschützt gewissermaßen vor Zudringlichkeiten des Betrachters, auch wo sie eindeutig erotischer oder direkt sexueller Natur sind. Tamara de Lempicka hat mit den von ihr dargestellten oder porträtierten Frauen aus den zwanziger und dreißiger Jahren bahnbrechend Weiblichkeit monumentalisiert, dem Geist der "modernen Frau" schlechthin Gesicht und Leib gegeben.

          Der Preis dafür ist der Hautgout einer neuklassizistischen, gar neotraditionalistischen Ästhetik, die - endlich dem Art déco zugeschlagen - bis vor nicht langer Zeit bei den Geschmacksrichtern in Ungnade stand, allerdings ihre Gemeinde behielt. Zu ihr zählen der Modeschöpfer Joop, der Schauspieler Jack Nicholson und Barbra Streisand, die 1994 "Adam und Eva" versteigern ließ: Ein Sammler zahlte fast zwei Millionen Dollar für dieses Werk Lempickas, eines ihrer besten.

          In ihrem Leben ließ Tamara de Lempicka den Schein über jedes Sein triumphieren. Eine umfangreiche Biographie der Amerikanerin Laura Claridge rekonstruiert jetzt diese Vita, die sich als phantasmatischer, mitunter fast pseudologischer Selbstentwurf überliefert wissen wollte. Es begann mit der Verwischung ihrer Herkunft. Nicht nur liegt Lempickas wahrscheinliches Geburtsdatum nicht im Mai 1898, sondern 1895, auch ihren Geburtsort Moskau leugnete sie - sie nannte Warschau, zur Stärkung ihrer polnischen Identität. Endlich unterschlug sie ihren vollständigen Mädchennamen Gurwik-Gorska, der sie als Tochter eines russischen, jüdischen Vaters ausweist. Ihr erster Mann, Tadeusz Lempicki, war ein polnischer Adliger; das "de" jedoch fügte sie selbst dem Namen hinzu, um nach ihrer Flucht aus Petrograd 1917 in Paris ihren gesellschaftlichen Rang zu verdeutlichen.

          Zum unüberwindlichen Trauma dieses verwöhnten, begabten Mädchens aus reichem Haus wird die Erfahrung der russischen Revolution, die Angst vor Verfolgung und Verarmung. Ihre väterlicherseits jüdische Abstammung verschweigt sie aus der noch früheren Angst vor antisemitischen Übergriffen. Diese Furcht wird sie später auch veranlassen, gemeinsam mit ihrem zweiten Mann nach Amerika auszuwandern, als sich der Vormarsch des Nationalsozialismus als unaufhaltsam abzeichnet.

          So ist etwas Richtiges daran, daß sie, die nicht dafür vorgesehen war, je für ihren Lebensunterhalt selbst zu arbeiten, durch den Kommunismus zu ihrer Kunst gebracht wurde, die sie in Paris für ein Jahrzehnt zur glitzernden und promisken Zelebrität werden ließ - beargwöhnt gewiß in ihrem sozialen Geltungsbedürfnis von der Avantgarde und den Intellektuellen, gehätschelt und hoch bezahlt von Schickeria und Snobs. Ihre Affairen mit Männern und Frauen, ihre Neigung zur Aristokratie und zu den Matrosen nachts in den Kneipen machten sie zu einer Sphinx, die eigentlich geheimnislos war; denn die Kehrseite ihrer Existenz waren zäher egoistischer Wille und auffällige Disziplin.

          Tatsächlich gelang Tamara de Lempicka vorübergehend eine ungewöhnliche künstlerische Verdichtung, die freilich ihrer Zeitgebundenheit nicht entkommt. Ihre kühne Tektonik verdankt sich dem Kubismus, den sie einerseits hitzig auflädt und andererseits unter dem Einfluß ihrer Lehrer Maurice Denis und André Lhote zurücknimmt. Erstaunlich ist, daß ihre Biographin nicht auf die Skulptur als evidentes Vorbild kommt: Archipenkos Schichtungen sind da unübersehbar, abgemildert durch die weichen üppigen Formen eines Jacques Lipchitz. Lempicka baut förmlich Körper auf ihren Leinwänden und Holztafeln, denen sie alle Plastiziät gibt - und zugleich nimmt, indem sie dem sichtbaren Pinselstrich abschwört, die Wucht bändigt unter der makellos glatten Oberfläche, wie sie italienische Gemälde der Renaissance haben, denen ihre höchste Bewunderung galt. In genau diesem lobenden Sinn nannte sie der französische Kritiker Arsène Alexandre Ende der zwanziger Jahre, als ihr Ruhm von Frankreich aus seinem Höhepunkt entgegenstrebte, einen "perversen Ingres", womit er ebendie handwerkliche Präzision und die unbestreitbare Ausstrahlung ihrer Kunst erfaßt.

          Angesichts von Tamara de Lempickas lebenslanger Verschleierungsstrategie muß Claridges akribische biographische Rekonstruktion auf ungefähre Erinnerungen beteiligter Personen, auf Interpolationen und Spekulationen zurückgreifen; Fakten gibt es wenige, Informationen aus zweiter Hand überwiegen. Deutlich will Claridge aus ihrem Lebenspuzzle die Forderung ableiten, auch Lempickas späteres Schaffen einer kunsthistorischen Neubewertung oder gar Hochschätzung zu unterziehen. Diesen Anspruch kann die Autorin freilich nicht einlösen. Sie reüssiert indessen damit, eine exemplarische Vita anschaulich zu machen. Es ist ein Leben, das sich als Drama entfaltet, so konstruiert und exaltiert wie die Person, die es inszenierte und durchlitt. Vor allem ihr Scheitern in den Vereinigten Staaten kann Lempicka nicht anerkennen und überspielt es mit heilloser Gesellschaftlichkeit, die sie mit Erfolg verwechseln will. In der Zerrissenheit und dem, auch nächsten Menschen wie ihrer Tochter Kizette gegenüber, ungehemmt ausgelebten Narzißmus, in den immer wieder aufbrechenden Depressionen und der Herrschsucht dieser Frau entsteht die Silhouette einer in Teilen tragischen Existenz, die sich scharf vor dem Hintergrund des vergangenen Jahrhunderts abzeichnet.

          Laura Claridge: "Tamara de Lempicka". Ein Leben für Dekor und Dekadenz. Aus dem Amerikanischen von Irmengard Gabler. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002. 478 S., 16 Farbtafeln, S/W-Abb., geb., 24,90 EUR.

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