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Rezension: Sachbuch : Die Skala des Fortschritts

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Medizinhistorie nach Maß: Volker Hess legt sich in die Fieberkurve

          4 Min.

          Das Gerät "mißt so genau wie Ihr Gehirn", verkündet der Beipackzettel. Vermutlich auch so schnell. Kaum ist der Stöpsel ins Ohr geschoben, kündigt ein Piep das Ende der Messung an. "Sie können dem Ergebnis im Display voll vertrauen." Das Display zeigt die Zahl 36,6. Na gut. Das Befinden mag mies sein, die Temperatur ist offensichtlich okay. Also ab in die Schule. Oder ins Büro.

          "Glaubt man den zeitgenössischen Ärzten", schreibt Volker Hess, Arzt und Philosoph, in seinem Buch "Der wohltemperierte Mensch", "dann war die Eindeutigkeit, mit der eine Temperaturmessung zwischen sicher krank und wahrscheinlich gesund zu trennen wußte, entscheidend für die rasche Verbreitung beim Laienpublikum". Das Publikum lernte rasch, daß das subjektive Krankheitsempfinden mit der exakt meßbaren Eigentemperatur des Körpers stark zusammenhängt. Doch erkläre dies nicht, schreibt Hess, warum es "die normative Definition von Gesundheit" vor gut hundert Jahren in seinen Alltag übernahm, wo sie sich, das muß schon hinzugefügt werden, noch heute befindet. "Warum wurde der gemessenen Zahl ein solches Vertrauen geschenkt?" Immerhin brauchte das Thermometer nach seiner Erfindung noch gut zweihundert Jahre, um Eingang in die medizinische Praxis zu finden.

          Bis dahin unterschied die Medizin kaum zwischen subjektiven Beschwerden und objektivem Befund, und das war auch gar nicht nötig. Der typische Patient zählte zu den gebildeten bürgerlichen Eliten, sein Honorar war die Existenzgrundlage des Arztes, was dem Kranken, laut Hess, "weitgehende Mitsprache und Kontrolle der Behandlung" zusicherte. Im Mittelpunkt dieser "diskursiven Medizin" standen das Erleben von Krankheit und Fieber und die gemeinsame Suche nach einer Interpretation, die eine "als sinnvoll erlebte Krankheitsbewältigung" erlaubte.

          In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte vor allem die Physiologie die Frage, ob Fieber auch objektiv eine Temperaturerhöhung des Körpers bedeutet. Um 1850 begannen Ärzte in Krankenhäusern mit Wärmemessungen des Körpers zu experimentieren. Es ging ihnen um den Einfluß von Körpertemperatur und fiebersenkenden Maßnahmen auf den Krankheitsverlauf. Was diesen Parameter gegenüber der Messung von Puls und Atemfrequenz favorisierte, war die elegante Möglichkeit seiner Visualisierung - durch Temperaturskala und Fieberkurve. 1851 präsentierte Ludwig Traube an der Berliner Charité erstmals eine Kurve als grafische Form des Fieberverlaufs. In Leipzig lobte Carl August Wunderlich am Städtischen Krankenhaus die Thermometrie als "exacten Maaßstab" für verborgene Körpervorgänge. Gut zehn Jahre später verzichteten Wunderlichs Assistenzärzte in den Patientenakten auf die Wiedergabe der Krankengeschichte und setzten an deren Stelle die Fieberkurve. Wir wissen, was folgt: Die Medizin wandte sich vom Krankheitserleben des Patienten ab und orientierte sich zunehmend auf Maß und Zahl als Größen zur Beurteilung eines krankhaften Zustandes.

          An den Anfang dieser vielbeklagten Entwicklung rückt Volker Hess, der mit dem Buch seine Habilitationsschrift an der Freien Universität vorlegt, das Fieberthermometer. Doch verzichtet er darauf, in die Klagen über die "Apparatemedizin" einzustimmen. Statt dessen befragt er die Quellen nach den vermeintlichen Opfern, den - mehr oder weniger "wohltemperierten" - Patienten, in deren Namen die Klage heute erhoben wird. Es waren vor allem Gesellen, Dienstboten und Arbeiter, an denen das Thermometer als objektiver Maßstab des Leidens massenhaft erprobt wurde. Den Krankenhäusern, die sich von traditionellen Fürsorgeanstalten für Arme zu modernen Behandlungseinrichtungen wandelten, wurden sie in wachsender Schar von neuen Innungs- und Krankenkassen zugeführt. Soziale Welten trennten die Ärzte von ihrer neuen Klientel. Die sah sich außerstande, das "Medicinisch-Reale" ihrer Beschwerden auszudrücken, wie man mit feiner akademischer Arroganz bemerkte. Ein Diskurs kam so nicht mehr zustande, und das war auch nicht nötig. Denn das Fiebermessen bot dem Patienten laut Volker Hess "die Möglichkeit der Verständigung über den Weg der objektiven Sprache seines Körpers".

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