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Rezension: Sachbuch : Die Seidenstrumpfkrise

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Im Landhausstil: Elsemarie Maletzke bewohnt Jane Austen

          3 Min.

          "Es ist verführerisch, aus dem Familienleben vergangener Jahrhunderte eine Idylle zu machen, aber im Falle der Austens entsprach dieses Bild wohl weitgehend der Wirklichkeit." Christian Grawe scheint schon 1989 in seiner sachlichen Biographie der Jane Austen geahnt zu haben, was der Geschmack der lesenden Damen ein Jahrzehnt später sein wird: der Country-Style. Film und Fernsehen haben aus den Romanen der englischen Autorin eine heile Welt auf grünem Rasen gemacht, in der entzückend altmodisch gekleidete Puppen in schmucken manor houses zu sehen sind. Es kriselt zwischen ihnen gelegentlich, aber es kracht nie. Zu tun haben sie offensichtlich nichts Besseres, als ihre Einrichtungsgegenstände zu genießen. Ihr aufwendiger Lebensstil braucht gerade einmal ein Dienstmädchen mit Spitzenhäubchen, um reibungslos abzulaufen, sie selbst aber leben jenseits der Pflicht zur Arbeit schwerelos dahin.

          Jane Austens Werk wird schließlich nur noch als Buch zum Film gelesen, und es hat eine Mode von Landhausliteratur nach sich gezogen, die es in allen Niveaus der Lesekultur gibt. Sie reicht von Elisabeth von Arnim über Rosamunde Pilcher bis hinab zu Barbara Cartland, deren Romane selbst wieder zu nostalgischen Filmen verarbeitet werden. Nun hat Elsemarie Maletzke dieses Genre auch für die Sekundärliteratur erobert. Den Romanen und Filmen hat sie eine Biographie im Landhausstil hinzugefügt, in der das Leben Jane Austens in uferloser Schönheit und grenzenloser Harmlosigkeit dahingeht. Das Leben der englischen Romanautorin ist eine Nebensächlichkeit gegenüber den Draperien, dem Teegeschirr, dem Kerzenschimmer, den Gärtchen und Zwergenburgen mit Kaminzimmern. Manchmal erscheint der Text wie ein Kramladen, in dem allerlei Spezereien und Stoffe herumliegen, zwischen denen die Bälle, Badekuren und Kartenspiele stattfinden.

          Freilich gibt es "Herzenswirren" und Flöhe im Bett, aber Jane Austen mit ihrem "perfekten Timing" hat solche Probleme in der Hand, und manchmal spiegeln sie sich sogar in ihren Romanen. Eigentlich ist Jane Austen immer Tante Jane, ob sie noch ein junges Mädchen ist oder schon eine erwachsene Schriftstellerin. Obwohl ihre Biographin feststellt, daß Jane Austen, "die einen Gutteil ihres erwachsenen Lebens im neunzehnten Jahrhundert zubrachte und alle ihre Romane auf unserer Seite der Zeitwende publizierte, . . . dennoch mit beiden Füßen im achtzehnten" stand, macht sie die Autorin des frühen neunzehnten Jahrhunderts zum Typus einer Familienfee am Ende ihres Jahrhunderts, die Nichten, Neffen, Onkels und viele, viele Freunde beglückt. Der Country-Style, wie er heute Mode ist und die Kälte der Großstädte erwärmt, ist schon die zweite Phase einer Nostalgie, die sich zunächst in der Studentenbewegung in die Spitzenvorhänge der Großmütter und das Fin de siècle verliebt hatte. Inzwischen ist diese geklöppelte Atmosphäre zum Symbol für alles geworden, was nicht gegenwärtig ist, ob es nun im neunzehnten Jahrhundert lebte und Jane Austen heißt oder im achtzehnten und sich Choderlos de Laclos nennt. Nostalgie ist das Geschichtsbewußtsein, das alle Epochen in eine einzige faßt, die historisch und zeitlos zugleich ist.

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