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Rezension: Sachbuch : Die schöne Querulantin

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Steven Ozment untersucht die Folgen einer Dreiecksgeschichte der frühen Neuzeit

          3 Min.

          Anna hatte zwei Liebhaber, und zwar gleichzeitig. Eine derartige Verwaltung libidinöser Bedürfnisse erregt die Gemüter und ruft die Moral auf den Plan. Sie bleibt aber heute, solange die Beteiligten alt genug sind, die Verbindung kinderlos ist und nicht vertraglich besiegelt wird, ohne juristische Folgen. Im sechzehnten Jahrhundert war das anders, zumindest für die Frau. Eine doppelte Partnerschaft konnte, wie der Fall der Bürgermeisterstochter Anna Büschler aus dem schwäbischen Hall belegt, zur Verbannung nicht nur aus dem elterlichen Haus, sondern sogar aus der Heimatstadt und zum Verlust rechtmäßiger Erbanteile führen. Doch anders als zahlreiche Frauen der Zeit, die ein derartiges Urteil widerstandslos hinnahmen, erhob Anna Einspruch. Sie verwickelte ihren Vater, später ihre Geschwister und den Stadtrat von Hall in einen Rechtsstreit, der sich über fünfundzwanzig Jahre hinzog und erst mit dem Tod der Klägerin im Jahr 1552 endete.

          Der amerikanische Historiker Steven Ozment hat den für die Rechtsformen der frühen Neuzeit (im Untertitel wird der behandelte Zeitraum umstandslos als Mittelalter bezeichnet) so aufschlußreichen Fall näher untersucht. Er ist gut dokumentiert: Neben Chroniken und den Gerichtsakten mit einer ungewöhnlich hohen Zahl an Zeugenaussagen ist ein Bündel Briefe erhalten, die die junge Frau mit ihren Liebhabern wechselte, dem reichen und mächtigen Schenk Erasmus von Limpurg und dem Söldner Daniel Treutwein. Gestützt auf die umfangreichen Forschungen Gerd Wunders über die Sozialgeschichte von Hall, erzählt Ozment einen spannenden Fall, ohne den Anspruch auf historische Genauigkeit aufzugeben. Ebenfalls der Lesbarkeit zuliebe sind die in voller Länge zitierten Briefe heutigem Sprachgebrauch angeglichen - ein nicht unproblematisches Verfahren, das die Spuren, die sich aus der ursprünglichen Diktion lesen lassen, verwischt.

          Wie Ozment aufzeigt, waren trotz der verminderten Schuldfähigkeit, die man Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts zuschrieb, Annas Chancen auf einen positiven Ausgang des Streits sehr gering. Als Frau war sie keine selbständige Rechtsperson, und zudem verringerte ihr schlechter Leumund das Gewicht ihrer Worte gegenüber den Aussagen ihres angesehenen und mächtigen Vaters erheblich. Anna galt als schön und exzentrisch. Sie fiel auf durch "unanständige und unziemliche" Kleidung, die sie, glaubt man den Klägern, durch Diebstähle aus der Kasse des Vaters finanzierte. Auch habe sie Getreide, Tischwäsche und Familienschmuck aus dem väterlichen Haushalt entwendet und veräußert, um Daniel Treutwein aus finanziellen Schwierigkeiten herauszuhelfen.

          Das Bild, das sich die Haller Öffentlichkeit von Anna Büschler gemacht hatte, wurde nach der Enthüllung ihres Liebeslebens in noch grelleren Farben gemalt. Es hieß, die junge Frau habe Daniel nachts im Hause ihres Vaters empfangen, dessen Weinkeller geplündert und sich bis in die frühen Morgenstunden lautstark amüsiert. Doch Annas Verhältnis zu Treutwein allein, so dreist und unverfroren sie es auch unterhielt, hätte laut Ozment Hermann Büschler kaum Anlaß zum Bruch mit seiner Tochter gegeben. Denn voreheliche Liebschaften wurden geduldet, wenn eine Heirat in Aussicht stand, und Treutwein, der aus einer angesehenen Familie stammte und eine gesicherte militärische Laufbahn begonnen hatte, war ein akzeptabler Schwiegersohn. Skandalös hingegen war das Verhältnis zu Erasmus, dessen Adel eine Ehe mit der gutsituierten, aber bürgerlichen Anna ausschloß.

          Die Schuld für die Verfehlungen gaben die meisten Zeugen aber nicht allein der jungen Frau, sondern auch dem Vater. Er habe die provokanten Auftritte seiner Tochter gefördert und zudem versäumt, eine Ehe für sie zu arrangieren und ihre natürlichen Gelüste in institutionelle Bahnen zu lenken. Anna, die seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr im Dienst der Schenken zu Limpurg stand und dort Erasmus kennenlernte, war zum Zeitpunkt des Zerwürfnisses fast dreißig und hatte das übliche Heiratsalter überschritten.

          Der Fall machte großen Wirbel. Denn nicht nur berührte die Liebschaft zwischen der Tochter des Bürgermeisters und einem Schenken, mit dessen Familie die Stadt um Terrain- und Machtansprüche stritt, die Belange von Hall. Anna hatte auch das Reichskammergericht eingeschaltet und damit die Unabhängigkeit der Haller bedroht. Um das historische Gewicht der amourösen Verstrickungen von Anna Büschler für die Stadt zu verdeutlichen, zimmert Ozment einen historischen Rahmen, der auch für Leser mit geringem Wissen über die Reformationszeit verständlich sein soll. Leider ist dieser Rahmen zu groß und mit allzu groben Mustern gefüllt. Die gerafften Darstellungen der Reformationsbewegung in Süddeutschland, des Bauernkriegs und der Ausbildung von Territorialstaaten bieten nicht mehr als intelligente Gemeinplätze der Forschung, und ihr Zusammenhang mit dem Fall Büschler kann oft nur mühsam hergestellt werden.

          Doch die Sensibilität, mit der die Konstitution des Rechts unter den sich wandelnden Definitionen der Geschlechter sowie Stand und Status der verwickelten Personen beschrieben werden, entschädigt für derartige Vereinfachungen. Vor dem Hintergrund des abgewogenen Bildes, das Ozment vom Rechtsleben der frühen Neuzeit gibt, ist die Emphase der abschließenden Worte allerdings erstaunlich: Anna erscheint als heroische Kämpferin um Würde und Gerechtigkeit und muß nun als exemplum virtutis den Wert der Geschichte für die Gegenwart bezeugen. BEATE SÖNTGEN

          Steven Ozment: "Die Tochter des Bürgermeisters". Die Rebellion einer jungen Frau im deutschen Mittelalter. Aus dem Amerikanischen von Petra Post und Andrea von Struve. Rowohlt Verlag, Reinbek 1997. 328 S., geb., 45,- DM.

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