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Rezension: Sachbuch : Die Rückkehr aus dem fremden Land

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Tony Adams' erschütternde Beichte nach zwölf Jahren an Flasche und Ball

          2 Min.

          "The past is a foreign country", schreibt der Schriftsteller L. P. Hartley in seinem Roman "The Go-Between". Tony Adams mag diesen Satz. Wenn der Verteidiger der englischen Fußball-Nationalelf an seine Vergangenheit als Alkoholiker denkt, sieht er einen anderen Menschen und doch sich selbst. Das Leben im fremden Land hat Furchen in sein Gesicht gezogen. Gerade hat man Tony Adams wieder getroffen, in den Spielen gegen Schottland. Groß, stark, aufrecht. Souverän. Ein Totem des englischen Fußballs, schrieb der "Guardian". Adams hat mit 33 Jahren das durchgemacht, wofür andere ein Leben brauchen. Er war ganz unten, er spielte ganz oben mit. Er wurde Europapokalsieger 1994, holte mit Arsenal 1991 das englische Double. Zu dieser Zeit trank Adams zehn halbe Liter Guinness in einer Nacht, und wenn es nicht reichte, goss er Brandy zu. Von seiner verzehrenden Lebensreise berichtet Adams in seinem Buch "Addicted" (süchtig).

          Adams' literarische Abrechnung mit sich selbst ist so offen wie seine Spielweise als Kapitän von Arsenal. Wie konnte das gut gehen, fragt sich der Leser, wenn Adams die Nächte in den Pubs schildert. 5800 Pfund gab er einmal per Kreditkarte in einer "drinking session" aus. Als die Bank nachfragte, sagte Adams nur: "Abbuchen." Wie sollte er noch wissen, wen er alles eingeladen hatte? Wie viele Gläser er sich auf dem Kopf zerschlagen hatte, nur um seine "Freunde" zu unterhalten? Zum Nachrechnen blieb keine Zeit, jede halbwegs nüchterne Stunde diente der Regeneration - schnell zum Training und hoffen, dass nur gelaufen wird.

          Adams war ein ekelhafter Kerl: drei Monate im Gefängnis wegen Trunkenheit am Steuer, eine große Platzwunde am Kopf nach einem Treppensturz (29 Stiche), Provokationen, Schlägereien, Stripshows im Delirium. Aufwachen in nassen Betten, neben fremden Frauen. Am liebsten gar nicht mehr aufwachen? Nein. Tony Adams, der schüchterne Junge aus Romford, Essex, mit den großen Ohren, der nie eine Freundin hatte, der immer nur Fußball spielen wollte, dieser Adams hing zäh an seinem Leben als Säufer und Spieler.

          Nach dem unglücklichen Ausscheiden bei der EM 1996 gegen Deutschland trinkt Adams sieben Wochen durch. Frau und Kinder haben ihn verlassen, er durchlebt weinend und zitternd ein Wochenende auf Entzug in seinem Bett, im leeren Haus. Am Montag geht Adams zu den Anonymen Alkoholikern. Er erzählt es seinen Mannschaftskameraden und der Presse. "England Captain is alcoholic", schreibt der "Daily Express" am 14. September 1996.

          "Wenn ich das heute lese, muss ich weinen", sagt Adams. Häufig findet man die Formulierung "the man I was that time". Der Mann, der er damals war, interessierte sich beim Spiel in Bradford nicht für das Stadionunglück von 1985, als 57 Menschen starben. Er interessierte sich in Johannesburg nicht für Nelson Mandela, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war. Der Urlaub in Florida - eine Katastrophe. Was sollte Adams im Disneyland? Coca-Cola trinken? So schreibt er, und man findet ihn abstoßend.

          Adams ist aus dem fremden Land zurückgekehrt. Trocken hat er seine erfolgreichste Saison gespielt; 1998 wurde Arsenal Meister und Pokalsieger. Er sieht verändert aus, die Haare sind länger, er trägt Koteletten, Bartstoppeln. Er hört Vorlesungen zur englischen Literatur; Shakespeare und Keats. Doch sein Gesicht ist gezeichnet von fast zwölf Jahren an der Flasche. Und am Ball. Tony Adams hat Respekt verdient.

          FRANK HEIKE

          Besprochenes Buch: Tony Adams und Ian Ridley: "Addicted". Harper Collins, London, 384 Seiten, 6,99 britische Pfund.

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