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Rezension: Sachbuch : Die Polizei lässt mit sich spaßen

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Karl-Ludwig Kunz verfasst Prolegomena zu einer Kriminalsoziologie Entenhausens

          Diejenigen Erwachsenen, die nicht vergessen haben, dass sie einmal Kinder waren, kennen sich in Entenhausen aus, in jener amerikanischen, aber doch welthaltigen Stadt, die dank der Imagination von Millionen Lesern real existiert. Unzählige Abenteuer sind dort bestanden, aber ebenso unzählige Straftaten begangen worden. Nicht nur der notorische und schwer kriminelle Kater Karlo samt seinen düsteren Gehilfen sowie die nicht resozialisierbare Panzerknacker-Bande verkörpern hier die deviante Seite des Menschlichen, es sind leider auch Donald und Dagobert, Gustav Gans, die sympathischen Neffen, Klaas Klever, Mac Moneyac und andere, die jedenfalls gelegentlich kleinere Straftaten begehen. Der staatsnah operierende Privatdetektiv Micky Maus und sein schwachköpfiger Freund Goofy werden freilich kaum straffällig - aber diese platte Vorbildlichkeit scheint auch ihre Schwäche zu sein.

          Die hier zu präsentierende gediegene schweizerische Untersuchung füllt eine schon seit langem schmerzlich empfundene Lücke. Sie legt eine im Anschluss an Ulrich Oevermanns "Objektive Hermeneutik" entwickelte Entenhausener Handlungstheorie zu Grunde und untersucht vergleichend die Handlungsstrukturen und Straftaten in den beiden Jahrgängen der "Micky Maus" 1952 und 1995, und zwar getrennt nach Duck- und Micky-Episoden. Die dabei beobachtete historische Entwicklung ist verblüffend: Micky, der Legalist, der unermüdliche Verfolger der Kriminalität, hat im Laufe der Jahrzehnte erheblich an Terrain gegenüber dem zur Identifikation einladenden menschlichen Helden Donald verloren. Gerade die Neigung zum Ausagieren innerer Spannungen ohne Rücksicht auf das (hier zu Grunde gelegte schweizerische) Strafgesetzbuch macht Donald zum allgemeinen Liebling.

          Aber auch die Szene hat sich verändert. 1952 spielten sich die Konflikte und Straftaten der Ducks im Binnenbereich von Familie und Stadt ab, während sie sich 1995 im Zeichen der Globalisierung der Entenhausener Konzerne ins Ausland, ja in den Weltraum verlagert haben. Das zwingt die Ducks, jedenfalls in Zeiten der Bedrohung, zusammenzuhalten. Demgegenüber verharren Privatdetektiv Maus und Kommissar Hunter bei der Bekämpfung der heimischen Kriminalität. Jeder ihrer Siege im Einzelfall demonstriert ihre strukturelle Ohnmacht; denn im nächsten Heft ist die Kriminalität wieder da, frisch wie zuvor. Wie 1952, so spielt auch 1995 Frauenkriminalität keine wesentliche Rolle; man denke an Daisy und Minnie oder gar an Oma Duck! Einzig Gundel Gaukeley verkörpert das verführerische "Böse".

          Die Autoren schreiben, trotz dem Buchtitel, nicht wirklich über "Kriminalpolitik"; denn die gibt es in einem geschlossenen System wie Entenhausen nicht. Sie arbeiten vielmehr an einer Kriminalsoziologie. Dazu gehört eine solide Statistik, eine Typologie der Täter und der Taten sowie ein sowohl kriminologischer als auch medientheoretischer Erklärungsansatz. Nur Letzterer liefert beispielsweise den Schlüssel zu der Beobachtung, dass etwa Drogen- und Sexualdelikte fehlen. Obwohl die Untersuchung viel Licht auf Entenhausens Nachtseite wirft oder jedenfalls bekannte Phänomene in die bengalische Beleuchtung soziologischen Vokabulars taucht, bleiben wichtige Fragen ungelöst: Wie erklären sich die "idiosynkratischen Handlungsorientierungen" (Fritz Scharpf) zwischen den Figuren sowie zwischen Dagoberts Kapitalismus und der Kriminalität der Panzerknacker? Sie scheinen einander zu hassen, aber sie begehren sich auch - vielleicht sind sie sogar identisch, wenn man an Proudhons "Eigentum ist Diebstahl" erinnern darf? Stellt Kriminalität die zentrale Rechtfertigung für den ungeheuren privaten und öffentlichen Sicherheitsaufwand, für Polizei und Staat dar? Sind die Panzerknacker, Gundel Gaukeley und Kater Karlo Projektionen der Angst, Ikonen des Bösen in uns oder nur Pappfiguren zur Legitimation der Sozialkontrolle? Fragen über Fragen. Die vorliegende kriminologische Untersuchung der Entenhausener Devianz ist ein erfreulicher Anfang. Weitere interdisziplinäre Studien mögen folgen. Kinder jedoch brauchen sie nicht zu lesen.

          MICHAEL STOLLEIS

          Karl-Ludwig Kunz, Roger Sidler: "Kriminalpolitik in Entenhausen". Vom Umgang mit Kriminalität bei Micky Maus & Co. Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel 1999. 114 S., Abb., br., 59,- DM.

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