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Rezension: Sachbuch : Die Normalität jüdischen Lebens

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Lokalgeschichte ist, wann immer sie sich mit der Verfolgung von Minderheiten beschäftigt, ein ungemütliches Geschäft. Am 26. Oktober 1877 wurde im oberhessischen Städtchen Nidda, gut fünfundfünfzig Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main gelegen, die neue Synagoge eingeweiht. Mittags um halb zwei traf ...

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          Lokalgeschichte ist, wann immer sie sich mit der Verfolgung von Minderheiten beschäftigt, ein ungemütliches Geschäft. Am 26. Oktober 1877 wurde im oberhessischen Städtchen Nidda, gut fünfundfünfzig Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main gelegen, die neue Synagoge eingeweiht. Mittags um halb zwei traf man sich im alten und längst viel zu kleinen Gebetsraum der Gemeinde, einer Synagoge auf dem Dachboden. Nach Gebeten und einer Abschiedsrede wurden die Thorarollen aus der heiligen Lade genommen und den ältesten Mitgliedern der Gemeinde überreicht.

          Dann setzte sich ein Festzug in Bewegung, angeführt von Mädchen mit Blumen und Knaben mit rotweißen Fähnchen. Ein Mädchen trug den Synagogenschlüssel. Das Musikcorps und der Gesangverein folgten. Hinter dem Thorahimmel schritt der Großherzogliche Rabbiner Dr. Levi, begleitet vom Vorstand der Niddaer Gemeinde. Unter Zugnummer "g" verzeichnet das Programm "Jungfrauen". Das Kreisamt, das Kreisbauamt und sonstige Behörden hatten Vertreter geschickt, der Bürgermeister von Nidda und der Stadtvorstand nahmen teil, Geistliche, Lehrer und Bauhandwerker beschlossen zusammen mit den Gemeindemitgliedern und deren Angehörigen den Zug.

          Die Eröffnungszeremonie an der neuen Synagoge in der Schillerstraße 33, einem auch architektonisch markanten Haus, endete mit Chorgesang - "Danket dem Herrn" - und dem Priestersegen. Abends fand in der Ludwigshalle ein Festball statt. Den Eröffnungstanz wagten der christliche Bürgermeister und die Frau des Vorstehers der jüdischen Gemeinde, "so auch hier auf sinnreiche Weise das gute Einvernehmen kundgebend", wie das "Niddaer Anzeigeblatt" meldete. "Freuen wir uns", fuhr der Artikel fort, "daß wir in einer aufgeklärten (wenn auch von mancher Seite geschmähten) Zeit leben, und daß die Torheit vergangener Jahrhunderte, in denen man sich der Religion wegen haßte, verfolgte, bekriegte, (bei uns wenigstens) überwunden ist."

          Nidda hatte in jenen Jahren um die 1800 Einwohner, zwischen neunzig und hundertzwanzig davon waren Juden, die als jüdische "Seelen" in der Gemeindestatistik geführt wurden. Der Redakteur des "Anzeigeblatts" hat weiland gewußt, daß sein freudiger Bericht vom Synagogenfest die Realität nicht ganz widerspiegelte - aber seiner Skepsis nicht mehr als zwei kleine Einschränkungen in Klammern erlaubt. Zweiundsechzig Jahre später, am 28. Juli 1939, wird einer seiner späteren Kollegen im nun "Niddaer Anzeiger" genannten Blatt die Meldung veröffentlichen: "Die letzte Judenfamilie, Familie Rollhaus, hat dieser Tage zur Freude der Einwohnerschaft hier das Feld geräumt. Es war ihr doch so allein auf weiter Flur ungemütlich geworden."

          Hier also wird es fürwahr ungemütlich, das Geschäft der Lokalgeschichte. In und für Nidda auf sich genommen hat es Wolfgang G. Stingl, wie in nicht wenigen dieser Fälle ein Außenseiter der Zunft, der aus sehr persönlichen Motiven seine Forschungen begann und darüber zum Fachmann wurde. Mit seiner Arbeit ("Jüdisches Leben in Nidda im 19. und 20. Jahrhundert". Untersuchungen zur Lokalgeschichte des oberhessischen Landjudentums. Context-Verlag/Deutscher Hochschulverlag, Obertshausen 2001. 388 S., Abb., br., 15,- [Euro]) wurde er jüngst an der Frankfurter Universität promoviert. Stingl, 1944 geboren, ist seit 1985 katholischer Gefängnispfarrer. Als er zwei Jahre alt war, wurde er mit seiner Familie aus dem Sudetenland vertrieben. In Nidda zog man in ein Haus, in dem auch Elisabeth Kaschmieder wohnte, eine getaufte Jüdin, die das KZ Theresienstadt überlebt hatte. Als Ministrant in den fünfziger Jahren fiel Stingl in seinem "Schott" bei den Fürbitten des Karfreitags die Oration auf: "Lasset uns auch beten für die ungläubigen Juden." Und während seiner Verwaltungslehre bei der Stadtverwaltung Nidda fand er auf dem Rathausspeicher die kultischen Textilien, die aus der neuen Synagoge von 1877 stammten. Deren Einweihung war der Höhepunkt in jenem kleinen Kapitel, das Nidda zur Gesamtgeschichte der deutsch-jüdischen Symbiose beitrug.

          Die Liste der im Ersten Weltkrieg dekorierten und für das Vaterland gefallenen jüdischen Soldaten markiert auch in Stingls Buch den emphatischen Endpunkt einer umfassenden Integration. 1927 feiert man noch unter durchaus würdigen Umständen das fünfzigjährige Jubiläum der Synagoge. Drei Jahre zuvor aber hatte die "National-sozialistische Freiheitsbewegung (Liste 6)" bereits zu ihrer Wahlversammlung eingeladen, auf der Friedrich Ringshausen sprach, ein Niddaer Lehrer und fürderhin Hitlers Propagandist am Ort. Schon vor der Pogromnacht vom 9. November 1938 hatte Emanuel Eckstein, der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde Nidda, sein Kolonialwarengeschäft verkauft und war in eine ghettoartige Unterkunft nach Frankfurt gezogen. Anläßlich eines Besuchs in seiner alten Heimat wurde er "von Jugendlichen durch die Bahnhofstraße gehetzt und mit Steinen beworfen. Er starb am 19. Oktober 1939 infolge der Aufregung im Wartesaal der 3. und 4. Klasse."

          Seinem persönlichen Engagement zum Trotz schildert Stingl die Geschichte der Niddaer Juden sachlich, lakonisch und genau. Und doch birgt sein Positivismus mit gutem Grund ein Pathos sondergleichen. Denn gerade im Kleinen, in den Protokollen der Gesangvereine oder in den Einsatzberichten der freiwilligen Feuerwehr, wird kenntlich, wie selbstverständlich das Zusammenleben war. Und wie unverbrüchlich. Scheinbar.

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