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Rezension: Sachbuch : Die Nachtwachen der Bürodiener

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Einlass in den Nachlass und die Folgen für die aktenkundigen Angestellten im System: Niklas Luhmann über Organisation und Entscheidung

          Wer sich heute die Frage stellen würde, ob denn die Politik - wie einst Napeoleon Bonaparte gesagt haben soll - oder die Wirtschaft - wie Walter Rathenau befand - das Schicksal ist, der könnte leicht auf eine dritte Antwort kommen. Denn wenn in der modernen Gesellschaft ein sozialer Sachverhalt die Züge von etwas Allgegenwärtigem, Unvermeidlichem und zugleich Unbegriffenem trägt, die Züge des Schicksalshaften also, dann sind es ihre Organisationen. Die Welt ist bevölkert von ihnen und das öffentliche Bewusstsein von ihren Namen in Beschlag genommen: Mannesmann und Microsoft, CDU und FPÖ, Bayern München, Greenpeace und die Staatsanwaltschaft Augsburg. Nur wenige sind in der Lage, völlig außerhalb eines organisatorischen Kontextes zu existieren, und wer weder eine Schule durchlaufen noch beim Militär gewesen ist, keinen Arbeitsplatz gefunden hat und keinem Verein angehört, erst von dem könnte mit Recht gesagt werden, er lebe am Rande der Gesellschaft. Die meisten sind Mitglieder einer Organisation und fast alle in irgendeiner Form Klienten, Kunden, Patienten oder Insassen.

          Hierzu passt es, dass Organisationen zu den starken Mythen der modernen Gesellschaft gehören. Als Wirtschaftsimperien, Gefängnisse, Gymnasien, Gerichte oder Armeen haben sie die Einbildungskraft auf sich gezogen. Kafka ließ sich vermutlich durch Alfred Webers "Der Beamte" zu "Prozeß" und "Schloß" anregen, Chaplins "Modern Times" fanden den Schlüssel zu den modernen Zeiten in der Entgegensetzung von Individuum und Fabrik, Fritz Langs "Metropolis" zeigte die moderne Stadt als riesige Maschine.

          Dabei ist es jedoch nicht selten die Intransparenz, die Organisationen oft gerade gegenüber ihren Mitgliedern behalten, die zu solcher Mythenbildung führt. Wenn man so will, werden Organisationen in der modernen Gesellschaft zugleich über- und unterschätzt.

          Überschätzt - denn sie werden gern als gewaltige Maschinen beschrieben, die Kontrolle durch Hierarchie ausüben, Horte von Machenschaften der Machthaber, kausal wirksame Instrumente zur Zweckerreichung; heiße der Zweck nun Profit, Herrschaft oder Bildung. Zumeist schreiben solche Deutungen der Organisation in einem ersten Schritt eine besondere Art von Rationalität zu, von der sie im zweiten Schritt behaupten, es sei eine bloß formale, technische, inhaltsleere, die an jeden Zweck gewendet werden kann. Die Organisation erscheint dann als paradigmatischer Fall von Ordnungsstiftung schlechthin. Auf eine Überschätzung des ihnen Möglichen läuft diese Beschreibung schon deshalb hinaus, weil bekanntlich auch das meiste von dem, was nicht funktioniert, in Organisationen schief geht. Überschätzt wird im Bild der Maschine aber auch, dass fast kein Mensch nur in Organisationen und durch sie lebt, von ihnen gewissermaßen mit Haut und Seele konsumiert wird.

          Unterschätzt wird die Bedeutung von Organisationen, insofern viele Fragen, die gegenwärtig als gesellschaftliche Probleme erscheinen, ohne Rücksicht auf das organisatorisch Denkbare diskutiert werden. Man verlangt mehr Partizipation der Bürger - und fragt sich nicht, wie es an runden Tischen und in Beteiligungsverfahren eigentlich zugeht. Man fordert mehr Moral in der Politik - und diskutiert nicht, wie diese Forderung sich mit der Personalauswahl in Parteien vereinbaren lässt. Man verlangt von Verwaltungen mehr Effizienz und Dienstleistung am Kunden - ohne die Bedingungen dafür zu klären, dass Organisationen, die vor allem Entscheidungen anfertigen und nicht Waren, sich nach dem Muster von Wirtschaftsbetrieben einrichten lassen. Und schließlich pflegt man Formeln wie "Bildung" oder "Einheit von Lehre und Forschung" - ohne die Universitäten, die dies leisten sollen, als Organisationen ernst zu nehmen. Auf ganz unterschiedlichen Feldern also treten Postulate und Ideen in Gegensatz zur Wirklichkeit der Akten, Kommissionen, Dienstwege, so als müsse nicht jede Idee, so sie denn wirklich werden soll, durch eine Organisation mit ihren spezifischen Verfahren, Blindheiten und Verformungsprozessen hindurch.

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