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Rezension: Sachbuch : Die Monsterstädte

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Warum ist Berlin die Hauptstadt von Deutschland?

          3 Min.

          Warum sind Hauptstädte so groß? So lautet der Titel von Kristof Daschers Dissertation. Das ist eine Frage, die uns alle vermutlich unterbewusst schon einmal beschäftigte, wenn uns eine Ausnahme von der Regel wie zum Beispiel Washington irritiert hat. Fängt man erst einmal an, über das Problem nachzudenken, erkennt man schnell, dass die Antwort nicht einfach sein wird. Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei, die Hauptstadt oder die Größe?

          Meistens ist die Hauptstadt eines Landes dessen größte Stadt. Und die größte Stadt eines Landes ist, wie M. Jefferson festgestellt hat, in der Regel mehr als doppelt so groß wie die zweitgrößte. Zwei plausible Erklärungen dieses Sachverhalts sind die folgenden: erstens die "Lokomotivthese": Eine Hauptstadt wächst schneller als andere Städte im Land und ist deshalb nach einiger Zeit die größte, selbst wenn sie vielleicht mit nicht viel mehr als einer Würstchenbude angefangen hat. Und zweitens die "Krönungsthese": Die größten Städte ziehen die Hauptstadtrolle erfolgreich an sich. Die beiden Szenarien schließen sich natürlich nicht aus: Selbst wenn die Lokomotivthese falsch ist, könnte es trotzdem "Lokomotivmechanismen" geben, die bewirken, dass die Hauptstadt, unabhängig von ihrer Größe, schneller wächst.

          Im ersten Teil der Untersuchung werden anhand eines Modells theoretische Aussagen über die Lokomotivmechanismen hergeleitet. Dascher kommt zu folgenden drei Ergebnissen: Erstens wird sich eine Hauptstadt langfristig auf die Produktion von Hauptstadtgut spezialisieren, das ist kollektiv finanziertes, staatlich bereitgestelltes Gut. Das handelbare Gut wird hingegen an der Peripherie erzeugt werden. Zweitens gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Einkommensteuersatz und der Hauptstadtgröße: Je höher die Steuer, desto größer die Metropole. Und drittens hat ein neu erworbener Hauptstadtstatus einen positiven Einfluss auf das Bevölkerungswachstum. Hinter diesen Prognosen stecken natürlich stark idealisierte Annahmen. In konkreten Fällen wie dem von Berlin können sich natürlich noch weitere Faktoren auswirken, die von dem Modell nicht erfasst werden. Selbst wenn Berlin in den nächsten Jahren wachsen sollte, muss man Dascher noch nicht auf eine Säule setzen und ihm huldigen. Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie gilt bereits als plausibel, weil der Merkur sich nach ihren Vorhersagen bewegt. In den Wirtschaftswissenschaften sind die Verhältnisse nicht so einfach.

          Der nächste Hauptteil des Werks ist empirisch. Bei den wirklichen Hauptstädten unserer Erde sind die Effekte vielleicht so klein, dass sie im allgemeinen Rauschen schwer zu finden sind. Deshalb werden stattdessen hauptstadtähnliche Gemeinden untersucht: Im Rahmen der westdeutschen Gebietsreform Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre wurden viele Landkreise zusammengelegt. Aus vorher 425 wurden 237. Nach Ausschließung einiger Sonderfälle erhält man 155 Nochkreissitze und 176 Nichtmehrkreissitze, die man vergleichen kann. Eine sorgfältige statistische Analyse ergibt tatsächlich Anhaltspunkte für die Existenz von Lokomotivmechanismen. Auch die vorhergesagte Spezialisierung auf die Produktion von Hauptstadtgütern lässt sich ansatzweise verifizieren.

          Der dritte Hauptteil ist der Krönungsthese gewidmet. Dascher kommt zu dem Schluss, dass die Lage der Hauptstadt das Ergebnis "widerstreitender Interessen, nicht wohlbedachten Handelns mit der Absicht, die Wohlfahrt der Individuen zu maximieren", ist. Bei der Kreisgebietsreform gab es sehr wohl eine Tendenz zur Krönung der größten Stadt im Kreis. Allerdings wurden auch die Kreisgrenzen neu gezogen, vielleicht ja gerade mit dem Ziel, diese unproblematische Situation zu schaffen. Es ist klar, dass das Thema des Regierungsumzugs von Bonn nach Berlin nicht fehlen darf. Ebenso klar ist, dass es sich nicht um einen einfach zu analysierenden Fall handelt. Die Entscheidung des Bundestags für Berlin ist mit 338 zu 320 Stimmen eher zufällig gewesen. Außerdem ist Berlin ja wegen der Vergangenheit des Ostteils sozusagen bereits eine halbe Hauptstadt. Trotzdem wird man nicht mit der Prognose fehlgehen, dass die beschriebenen Lokomotivmechanismen auch in Berlin zum Tragen kommen werden.

          Und was ist die Moral der Lektüre? Es gibt einfache Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Aber herauszufinden, dass diese Situation vorliegt, kann auch sehr verdienstvoll sein. Noch eine kleine Anmerkung zum handwerklichen Aspekt, der gerade bei Dissertationen oft vernachlässigt wird: Ökonomen scheinen etwas von den Genüssen des Lebens zu verstehen. Der Text ist ordentlich gesetzt, das Papier hat einen angenehmen Chamois-Ton. Who can ask for more?

          ERNST HORST

          Kristof Dascher: "Warum sind Hauptstädte so groß?" Eine ökonomische Interpretation und ein Beitrag zur Geographie der Politik. Verlag Duncker & Humblodt, Berlin 2000. 202 S., Abb., 98,- DM.

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