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Rezension: Sachbuch : Die Mode ist nicht totzukriegen

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Unsere Haare wachsen noch: Die Hippies schreiben ihre Geschichte

          6 Min.

          Die Geschichte des Hippietums verlief in Kürze so: Am Anfang setzten sich aus nomadischen Urhorden seßhafte Kulturträger ab, die als Griechen auf Barbaren schimpften. Bald mutierte Hochkultur zu einer verkrampften Hochleistungsmaschine, zur (von Alt-Hippie Urban Gwerder sogenannten) Borniwelt, die sich zwecks Selbsterfrischung ein gelegentliches Zurück zur Natur genehmigt: urkräftigen Volksmund, Mensch gebliebene Gestalten, schräge Vögel, wilde Männer, Yetis (über die der Neoschamane und Ethnobotaniker Dr. Christian Rätsch ein mittlerweile vergriffenes Buch schrieb). Und schon mischten Ur-Hippies wie Laotse einen Beamtenstaat auf; Orgiasten, die ungern langweiliger Staatsreligion frönen, tanzten lieber in Sufi-Trance um goldene Kälber; ungekämmte Wanderprediger und Minnesänger/Minengänger (Buddha, Orpheus, Diogenes von Sinope, Jesus) inkarnierten sich neu in späteren Früh-Hippies (François Villon, Oswald von Wolkenstein, Tolstoi, Rasputin).

          Dann kamen die Hippies. Und sangen gegen die Spießer-Internationale an, gegen die etablierten Nachfahren neolithischer Ackerbauern, mit Maultrommel, Pulsleier, Sprechkrawatte, Lichtharfe und Underground-Magazinen, zum Beispiel "Hotscha! Fun Embryo Information" (herausgegeben von Urban Gwerder). Während die glattrasierten Zivilisationsträger in den Blumenkindern nur Chaoten, Gammler, Kiffer, Provos, Stadtindianer, Motherfucker, neue Nomaden sahen, und Adorno in den Beatles "Barbaren", wollte die Kollektivwoge aus Runaways, Beatnicks, Rainbow-People, Easy Riders, Flippis, Straßenkünstlern, Elektro-Bluesern, Körperpoeten, Anti-Karrieristen, Peace-Aktivisten, Autoharfisten, Andersdenkenden und vor allem wechselnden Schlagzeugern nicht länger zusehen, wie sabbernde, lügende, auf Autoerotik fixierte, arrivierte, lahme Schleimer und Präsidenten das Universum kontrollieren.

          Das Rollback der Äpfel

          Nur leider begann die Hippieculture bereits beim Entfalten ihrer yellowsubmarinefarbenen Scheinblüte - nach kurzer C-&-A-Vermarktung - offiziell zu verwelken. Mächtige DNS rief. Weit vom Baum gefallene Äpfel rollten zum Stamm zurück. Hippies und Yippies (= Youth International Party) verwandelten sich in Ex-Hippies mit Familie, Karriere, Kontoauszügen. Vom Fernsehsessel aus sahen sie den wenigen unbeirrbaren Alt-Hippies, Veteranen der Rebellion, Oldtime/Longtime-Revoluzzern und Ex-Idolen beim Älterwerden zu. Bee Gees, Donovan, Mick Jagger ließen sich (wenig anders als Rex Gildo oder Heino) von den dreißig Jahren, die binnen kürzester Zeit verstrichen, nicht weiter stören und tanzten als Dauergäste verjährter Jungbrunnen auf den Gräbern der Frühvollendeten (Elvis, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Brian Jones), als ewige Comebackler und Grabflüchter, als lederne Fossilien, Mumien und Nachzügler ihrer selbst, mit neunundfünfzigjährigen Gesichtern bei weiterhin fünfundzwanzigjährigen Stimmen, mit Frisuren wie am ersten Tag, zeitlose Blendaxbezahnung inklusive, anachronistisch schillernd zwischen Lifting-Messias und Gefrierband-Lazarus, frisch aufgetaute strawberries forever.

          Viel menschenwürdiger überlebt Flower Power in verstreuten Nonstop-Freaks, in Zottelköpfen, Highdelberger Ex-Dealern und Rauschkunde-Editoren wie Ronald Rippchen, der soeben ein reichhaltiges Hanf-Lesebuch edierte, Werner Pieper und Raymond Martin, der in Kürze ein neues Magic-mushroom-Buch edieren wird, oder im nach wie vor seit 1970 jährlich stattfindenden dreitägigen Herzberg-Festival, allwo sich Ex-Hippies, Alt-Hippies, Feierabend-Hippies, Quasi-Hippies, Sympathisanten, Nostalgiker bejahrte Stelldicheins geben, immerhin durchmischt von jener Variante, in der der ewige Hippie darwinistisch robust zu überleben pflegt, in ständig sich verjüngender Punkbewegung. Die zwar Stirnband, Sitar und Mähne fallenließ, aber an Farbenpracht und Kopfzahl pro Love Parade immer nur boomt und die damalige message "Love, love, love" unverfälscht weiterträgt. Wenngleich gute alte Alt-Hippies wie Urban Gwerder, Baujahr 1944, die Kurzhaar-Hippies, diese Spielart eigener Wirkungsgeschichte, eher skeptisch glossieren: "Mit ,Street Parades', ,Love Parades' ist jetzt die alte Aufforderung ,Dancing in the Streets' überrealisiert - aber als Wochenendflip und karnevalmäßiger Konsumtrip für Yuppie-Banker und -Bürofräuleins, Freizeit-Exhibitionismus vor dem Weltuntergang, oder sowas?"

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