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Rezension: Sachbuch : Die Lage war ernst, aber nicht unmodern

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Nach dem Ende der Sonderwegsdebatte: Brendan Simms verschafft dem Primat der Außenpolitik wieder Raum in der deutschen Geschichte

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          Nach "The Impact of Napoleon" (F.A.Z. vom 28. Juni 1997) hat der in Cambridge lehrende Historiker Brendan Simms ein weiteres Buch zur deutschen Geschichte vorgelegt, dieses Mal eine Überblickdarstellung zu den entscheidenden sieben Jahrzehnten, in denen sich der schmerzhafte, von mannigfachen Brüchen und Krisen begleitete Übergang Deutschlands vom Ancien régime zur modernen Welt vollzog. Der Autor betätigt sich auch hier durchaus als historiographischer Ikonoklast, der dem lang währenden Vorrang der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte entschiedenen Widerspruch entgegensetzt, gemäß seiner Maxime, der Historiker der frühen Neuzeit könne von Leopold Ranke und Otto Hintze mehr lernen als von Karl Marx - und von Carl Schmitt und Maurice Cowling nicht weniger als von Max Weber.

          Dabei plädiert Simms nicht etwa für eine Vernachlässigung sozialgeschichtlicher Themen und Thesen. So hält er an der wesentlich durch Weber begründeten Modernisierungstheorie ausdrücklich fest, er möchte sie jedoch nicht im normativen, sondern ausschließlich im deskriptiven Sinne angewendet sehen - das richtet sich gegen die Konstruktion eines (in der Forschung zeitweilig sehr beliebten) angeblichen negativen deutschen "Sonderwegs". Außerdem - hier knüpft Simms an ältere, mit Ranke und Hintze verbundene Traditionen deutscher Historiographie an - soll der Staat im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, das heißt die Weber'sche Trias "Herrschaft - Wirtschaft - Kultur" soll in ebendiesem Sinne modifiziert werden als: "Politik - Herrschaft - Verwaltung".

          Die leitende Hypothese des Verfassers ist ein Primat der auswärtigen Politik. Die deutsche Politik in den Jahrzehnten vor und nach 1800 muss nach Simms unverstanden bleiben, wenn man sich nicht ständig deren doppelte geopolitische Hypothek vor Augen führt: zum einen die - nicht nur institutionell, auch geographisch bestimmte - unbestreitbare Schwäche des Reiches, das den Deutschen, wie die zahlreichen Erbfolgekriege zwischen 1648 und 1789 belegen, keinen Schutz vor auswärtiger Invasion bot; zum anderen die ebenfalls politisch-geographisch bedingte Verwundbarkeit der meisten deutschen Territorialstaaten. Für fast alle deutsche Fürsten machte die Lage ihres Staates die Beachtung des Primats der Außenpolitik zur Pflicht - ein Nichtbeachten dieser Grundtatsachen der eigenen Existenz konnte fatale Folgen haben.

          Dabei verdammt der Autor das Alte Reich ebenso wenig, wie er in alte Klischees vom angeblichen "Beruf Preußens" zur Einigung Deutschlands zurückfällt; er erkennt die institutionell ausgleichenden Funktionen der Reichsverfassung, etwa im Hinblick auf den Konfessionsgegensatz, ebenso an, wie er die stabilisierende Rolle des Reiches in der kritischen Phase der achtziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts herausstreicht. Doch andererseits hält er sich ebenfalls von aller modischen Reichsnostalgie fern, indem er die preußisch-österreichische Rivalität, den "struggle for mastery in Germany", zum zentralen Motor deutscher Politik dieser Zeit erklärt. Insofern stellt für ihn die früher unterschätzte Konvention von Reichenbach, mit der die beiden Mächte 1790 ihren Konflikt für die nächsten, politisch entscheidenden Jahre beilegten, nichts weniger als die "wahre Revolution der deutschen Politik" dar.

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