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Rezension: Sachbuch : Die Kurven des Fiat Popolare

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Ingeborg Bachmann in Rom / Von Kristina Maidt-Zinke

          5 Min.

          Eine der fünf Poetik-Vorlesungen, die Ingeborg Bachmann im Wintersemester 1959/60 an der Frankfurter Universität hielt, handelte vom Umgang mit Namen, von deren Aura und geheimnisvoller Strahlkraft. Es war dort die Rede von den Namen literarischer Orte und Gestalten, die sich "in Glücksfällen" verselbständigen und fortan mit ihrem bloßen Klang unverrückbare Vorstellungen in unserem Bewußtsein hervorrufen. Daß diese magische Macht auch den Namen wirklicher Personen eignet, die durch ihr Werk oder durch die Umstände ihres Lebens und Sterbens zum Mythos geworden sind, weiß die Kulturindustrie in einer auf Markenzeichen dressierten Epoche längst zu nutzen. Ingeborg Bachmanns Name löst bei einem Teil des Publikums so zuverlässige Reflexe aus wie der Marilyn Monroes bei einem anderen. Kommen dann noch Italien und die fünfziger Jahre als Assoziationsfelder hinzu, ist die Strahlkraft gesichert: Wiederentdeckte "Römische Reportagen" aus der Feder der Dichterin, die zu Lebzeiten wie eine Diva und nach ihrem frühen Tod wie eine Märtyrerin verehrt wurde, tragen jene Aura, die auf eine kostbare Bereicherung der Reiseliteratur hoffen läßt.

          Die Realität verhält sich zu derart hochgestimmten Erwartungen etwa so wie die Autostrada zum Canal Grande. Im Jahre 1953 hatte Ingeborg Bachmann, damals siebenundzwanzig, ihre Arbeit als Redakteurin beim Wiener Rundfunksender Rot-Weiß-Rot aufgegeben und war zu Hans Werner Henze nach Ischia übergesiedelt. Im folgenden Jahr verlegte sie ihren Wohnsitz nach Rom, um sich die Stadt "anzusehen", was eine lebenslange Anhänglichkeit, zunächst aber einen dreijährigen Aufenthalt zur Folge hatte. Die junge Lyrikerin, mit dem Preis der "Gruppe 47" ausgezeichnet und in einer legendären Titelgeschichte des "Spiegel" zum Star stilisiert, sah sich gleichwohl vor die Notwendigkeit gestellt, mit profaneren Beschäftigungen ihre materielle Existenz zu sichern. Der ihr freundschaftlich verbundene Gustav René Hocke, Rom-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" und politischer Berichterstatter für Radio Bremen, empfahl sie dem norddeutschen Sender, der sich schon damals gern auf dem Feld der Literatur engagierte, als seine Vertreterin während einer längeren Abwesenheit. So kam es, daß die österreichische Dottoressa, des Italienischen seit ihrer Jugend kundig, von September 1954 bis Juni 1955 eine Reihe von Rundfunkreportagen nach Bremen lieferte, die sie mit dem gleichsam untergründigen Pseudonym "Ruth Keller" zeichnete.

          Wer die etwas gepreßte Stimme der Autorin aus Aufnahmen kennt, wird nachträglich begrüßen, daß sie ihre Beiträge nicht selbst sprach, sondern telefonisch ins Stenogramm diktierte. Die abgetippten Texte und die dazugehörigen Honorarzettel schlummerten lange im Archiv von Radio Bremen und wurden ordnungsgemäß auf Mikrofiches übertragen, bevor sie - wie die Bänder mit den verlesenen Berichten - den Weg alles Irdischen gingen. Ein Hinweis von Oswald Döpke, dem früheren Chefdramaturgen und Hörspielchef des Senders, veranlaßte im vorigen Jahr den hauseigenen Kulturredakteur Jörg-Dieter Kogel, nach den Bachmann-Korrespondenzen zu forschen. Er entdeckte bei seiner einigermaßen beschwerlichen Suche vierunddreißig Reportagen, die nun in Buchform erschienen sind; dreißig weitere konnten bislang nicht zweifelsfrei zugeordnet werden.

          Was Ingeborg Bachmann in Rom sah und hörte, ist durch einen Essay, ein paar Gedichte und Erzählpassagen in den Status der Unsterblichkeit erhoben worden. Was sie als politische Korrespondentin beobachtete und erörterte, war sachlich fundiert, im Inhalt leicht verderblich und in der Form ohne Glanz, unterschied sich also durch nichts von den Erzeugnissen jener Radiokollegen, die kompetent, aber frei von literarischen Ambitionen ihrer Tätigkeit nachgingen. Diese unter dem Druck des Broterwerbs entstandenen Texte wird man vergebens nach Spuren von Poesie und schöpferischem Eigensinn absuchen; sie offenbaren freilich, daß ihre Verfasserin sich auf dem Gebiet der Rundfunkarbeit eine solide Professionalität angeeignet hatte. Für Kenner, Liebhaber und Biographen dürfte der Fund gerade deshalb von besonderem Wert sein, weil er eine bestimmte Farbe im widerspruchsvollen Bild der Bachmann hervorhebt und verstärkt: Die notorisch zerfahrene, oft träumerisch abwesende und rührend hilflose Chaotin besaß einen nüchtern-handfesten Wesenszug, einen resoluten Sinn für Praktisches und vor allem einen kräftigen Ehrgeiz, der sie dazu trieb, jede sich bietende Aufgabe mit größtmöglicher Perfektion zu erfüllen.

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