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Rezension: Sachbuch : Die Kurven des Fiat Popolare

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Als Zeitdokument sind die römischen Reportagen aufschlußreich und streckenweise amüsant, auch wenn sie nur wenige Facetten der damaligen politischen und gesellschaftlichen Umbruchsituation Italiens wiedergeben. Manches von dem, was in jener Zeit die Öffentlichkeit des Landes bewegte und erregte, ernährt unter leicht veränderten Vorzeichen die Rom-Korrespondenten bis auf den heutigen Tag: fruchtlose Parlamentsdebatten, Mafia-Machenschaften, Naturkatastrophen, steigende Arbeitslosenzahlen, Regierungskrisen, Parteiintrigen und Korruption. Die Affäre Montesi, ein skandalöser Mordfall in Kreisen des "Dolce vita", der zum Rücktritt des Außenministers Piccioni führte und dunkle Schatten des Verdachts auch auf den deutschen Hochadel warf, hätte trefflich als Stoff für Krimispezialisten wie Fruttero und Lucentini oder Donna Leon getaugt. Frau Bachmann alias Keller berichtet über Ereignisse rund um das Triest-Abkommen vom 5. Oktober 1954 und die wenig später ratifizierten Pariser Verträge, und sie spekuliert, mit unverhohlener Antipathie gegen die "roten Burgherren", über Umsturzpläne der italienischen Kommunisten. Die Wahl Giovanni Gronchis zum zweiten Präsidenten der Republik fällt ebenso unter ihre Zuständigkeit wie Betriebsratswahlen in den Fiat-Werken, und bei vielen Themen versucht sie sich über die Darstellung der Fakten hinaus in Analysen, die ihre Detailkenntnis und ihr Gespür für Zusammenhänge verraten.

Bekannt ist, daß die Dichterin nie einer romantisch verklärten Italien-Sehnsucht aufgesessen war, sondern eine sehr wirklichkeitsnahe Liebe zu dem Land verspürte, in dem sie gelernt hatte, "Gebrauch von meinen Augen zu machen". Der klare, unsentimentale Blick prägt auch ihre feuilletonistischen Betrachtungen, von denen die Schatzsuche leider nur wenige zutage gefördert hat. Dennoch drängt sich bei einer Glosse über die römische U-Bahn oder einer Skizze über das Kunstverständnis von Gina Lollobrigida der Gedanke auf, um wie vieles ironischer und abgebrühter der effektbewußte Kulturkorrespondent von heute mit vergleichbaren Anlässen umgehen würde. Insofern lassen sich diese ausgegrabenen Reportagen nicht zuletzt als Zeugnis jener in den Duft von Siebenundvierzigelf gehüllten Bravheit vor dem Sündenfall lesen, die in den fünfziger Jahren auch das intellektuelle Milieu parfümierte.

Das ganze Aroma von Bastflaschen-Chianti und Caprifischer-Seligkeit steigt auf, wenn die begeisterte Autofahrerin Ingeborg Bachmann den deutschen Radiohörern das neue Fiat-Modell "Popolare" schmackhaft macht, "das kleine Wunder" mit Wasserkühlung, von dem man sich seinerzeit eine Verkehrsrevolution südlich der Alpen versprach. Da wird dann auch die Sprache schon mal aus der Kurve getragen, wenn die Reporterin zum leidenschaftlichen Motor-Kult der Italiener bedauernd anmerkt: "Dabei stehen ihnen die häufig unzulänglichen Straßen im Wege."

Von Hans Werner Henze stammt die Feststellung, Ingeborg Bachmann habe mehrere Leben gleichzeitig gelebt. Die "Römischen Reportagen" bestätigen diesen Eindruck nachhaltig. Ob es in ihrem Sinne gewesen wäre, das Inkognito der Korrespondentin Ruth Keller zu lüften, steht dahin. Unter dem gleichen Pseudonym schrieb sie übrigens einige politische Beiträge auch für die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", die hier nun erstmals nachgedruckt worden sind. Der Band enthält ferner die Geschichte der Wiederentdeckung als Nachwort des Herausgebers und einen Anmerkungsteil, der die sparsamen Eingriffe der Bremer Rundfunkredaktion in die Bachmann-Texte dokumentiert. "Es gibt nichts Mysteriöseres als das Leuchten von Namen", heißt es in der eingangs erwähnten Frankfurter Vorlesung. Das schmale Buch wird darauf bauen müssen.

Ingeborg Bachmann: "Römische Reportagen". Eine Wiederentdeckung. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jörg-Dieter Kogel. Piper Verlag, München 1998. 123 S., geb., 29,80 DM.

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