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Rezension: Sachbuch : Die Kunst der Gunst

  • Aktualisiert am

Jeder Herrscher braucht seinen Mann fürs Grobe und fürs Feine: Der Favorit wird rehabilitiert

          5 Min.

          Ein Gespenst geht um im frühneuzeitlichen Europa. Es ist der Favorit, der Günstlingsherrscher. Seine Bühne ist der fürstliche Hof. Hier erschleicht er sich die Gunst des Monarchen und usurpiert dreist die politische Macht. Mit List und Tücke hält er sich an der Macht, scheffelt ungeniert märchenhaften Reichtum, während das Reich verkommt. Verliert er die Gunst, so stürzt er tief in das Nichts, aus dem er aufgetaucht ist, so er überhaupt mit dem Leben davonkommt. Diesem schillernden, von jeher übel beleumundeten politischen Typus der Hochrenaissance widmete sich 1996 auf Initiative der englischen Frühneuzeithistoriker Sir John Elliott und L.W.B. Brockliss eine Oxforder Tagung, deren Beiträge nun publiziert vorliegen.

          Den Günstling gibt es überall in der Geschichte, wo Gunst zu gewähren ist. An der Wende vom sechzehnten zum siebzehnten Jahrhundert lässt sich an den wichtigen Höfen Westeuropas die geradezu epidemische Herausbildung eines neuen Favoritentypus beobachten. Im Gegensatz zum herkömmlichen fürstlichen Protégé handelte der Favorit des siebzehnten Jahrhunderts nicht mehr hinter den Kulissen, sondern trat selbstbewusst und offenkundig an die Seite des Herrschers, um in der Art eines Regenten, wenngleich ohne jede institutionelle Verankerung, de facto die Macht auszuüben. Die Neuartigkeit und Tragweite dieses Typus wurden schon von den Zeitgenossen erkannt: Zu der breiten, instinktiven Ablehnung des Volkes traten flankierend die kritisch-mahnenden Stimmen der politischen Theorie, und auch die Literaten konnten bei ihren Satiren und Theaterstücken auf das geschärfte kollektive Bewusstsein der Untertanen setzen.

          In den letzten drei Jahrzehnten hat sich die historische Forschung verstärkt diesem Thema zugewandt, es blieb allerdings weitgehend bei Bestandsaufnahmen mit begrenzten nationalen Perspektiven. Die Oxforder Tagung nun trat mit dem deklarierten Ehrgeiz an, über die reine Diagnostik hinauszukommen, eine europäische Typologie herauszuarbeiten und das Phänomen in seinen Wurzeln zu erklären. In diesem Lichte präsentieren sich auch die Essays, die die Gattung anhand einzelner, symptomatischer Aspekte und Strukturen vorführen.

          Von zentraler Bedeutung waren die Strategien des Machterhalts. War mit dem Aufstieg die erste Hürde genommen, begann die eigentliche Herausforderung mit der Stabilisierung der erreichten Position. Die herrscherliche Gunst musste erhalten und die Öffentlichkeit des Hofes beruhigt werden. Mit entsprechendem Geschick hielten sich die Großen ihres Fachs oft zwei Jahrzehnte und länger. So auch der Graf-Herzog von Olivares, der Günstling Philipps IV. von Spanien. Sein wesentliches Rüstzeug sieht John Elliott, einer der großen Kenner der Materie, in seiner überdurchschnittlichen sozialen Kompetenz. Durch Sensibilität, Einfühlungsvermögen und das sichere Gespür für die jeweils richtige Tonart gelang es Olivares, eine psychologische Dominanz aufzubauen, die ihn gewissermaßen zum Drehbuchschreiber und Regisseur seines Herrschers machte. Machterhaltend war ebenso die energisch betriebene positive Umdeutung seines Favoritentums. Er statuierte für sich die unbelastete Bezeichnung Minister und publizierte mit Erfolg das Idealbild des zutiefst ergebenen, bienenfleißigen Mitarbeiters, der die Administration omnikompetent koordiniert und die Entscheidungen des Monarchen lediglich vorbereitet.

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